Geringes Vertrauen in den Biotech-Sektor
Medigene stoppt die Talfahrt

Für Aktionäre des Münchener Biotech-Unternehmens Medigene gab es in den vergangenen Monaten wenig Grund zur Freude. Nach und nach rutschte der Kurs der im TecDax notierten Aktie von mehr als neun bis auf 5,32 Euro ab. Analysten sehen jedoch deutliches Kurspotenzial für das Biotech-Unternehmen.

FRANKFURT. Seit Mitte vergangener Woche gibt es nach der bisherigen Talfahr für die Anleger erste zaghafte Hoffnungsschimmer. Innerhalb weniger Tage hat sich die Medigene-Aktie wieder bis an die Marke von sechs Euro herangearbeitet. Damit könnte die Talfahrt nach Ansicht vieler Analysten beendet sein. Auf mittlere Sicht halten die Experten eine Erholung auf acht bis zehn Euro für möglich.

Allerdings ist das Vertrauen der Investoren in den Biotechnologie-Sektor zurzeit insgesamt sehr gering. Der Amex-Biotech-Index verlor in den vergangenen sechs Monaten 14 Prozent. Dass sich der Wert der Medigene-Aktie im gleichen Zeitraum fast halbierte, hat zwei Ursachen: Zum einen hat die US-Arzneimittelbehörde FDA die Zulassung für das Medigene-Präparat Polyphenon im Juli auf das kommende Jahr verschoben. Außerdem droht Medigene der Rauswurf aus dem TecDax.

Medigene war im Jahr 1994 angetreten, biotechnische Mittel gegen Krebs zu finden. Nach dem Börsengang im Jahr 2000 stand eine Weile lang reichlich Geld zur Verfügung; der Kurs stieg über 100 Euro. Heute muss das Unternehmen darum kämpfen, die laufende Forschung zu bezahlen. Um überhaupt Geld hereinzubekommen, vertreibt das Unternehmen mit Eligard einen Wirkstoff, der seinen Patentschutz verloren hat. Auf der Homepage steht zwar: „Als erstes deutsches Biotech-Unternehmen verfügt Medigene über ein Medikament auf dem Markt“, doch Eligard ist weder im engeren Sinne biotechnisch noch selbst entwickelt. Das Hormonpräparat gegen Prostatakrebs hatte ursprünglich eine amerikanische Firma entwickelt.

Auch der Hoffnungsträger Polyphenon ist eigentlich kein biotechnischer Wirkstoff, er basiert auf einem Extrakt aus Teeblättern. Nach Markteinführung wäre es erst das dritte Medikament gegen die sehr verbreitete Erkrankung.Die US-Zulassung der Salbe gegen Genitalwarzen gilt als sicher, wurde aber durch die FDA verschoben. Sobald diese ihre Zustimmung gibt, erhält Medigene vom US-Partner Bradley einige Mill. Dollar Erfolgsprämie.

Über Eligard und Polyphenon hinaus hat Medigene – nachdem einige selbst entwickelte Präparate ersatzlos weggebrochen sind – noch zwei Hoffnungsträger in der Entwicklung: Endotag, das Gewebegifte in die Blutgefäße von Tumoren transportieren soll, und NV 1020 – veränderte Herpes-Viren, die Tumorzellen angreifen sollen. Während sich NV 1020 noch in einer frühen Entwicklungsphase befindet, testen Forscher Endotag bereits an Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs; Ende des Jahres gibt es erste Ergebnisse.

Die Analysten sind sich einig: Wenn sich bei einem dieser beiden Therapieansätze das Potenzial zeigen sollte, tatsächlich Krebs zu bekämpfen, dürfte der Medigene-Kurs in die Höhe schnellen. Die Chancen bewerten sie aber unterschiedlich: „Beide Produkte sind Hochrisikoprojekte“, warnt Markus Metzger von der Bank Vontobel. Auch andere Unternehmen forschten daran, Chemotherapeutika gezielter an ihren Wirkort zu transportieren – so wie Endotag. Da Metzger von NV 1020 generell wenig hält. sieht er im günstigsten Fall bei acht Euro die Kurs-Obergrenze.

Optimistischer ist Hanns Frohnmeyer von der Landesbank Baden-Württemberg: „Endotag ist spannend.“ Wenn sich Ende des Jahres in der Zwischenstudie eine Wirkung zeige, könnte Medigene etwa ab 2010 bis zu 500 Mill. Euro Umsatz im Jahr mit dem Medikament machen, erwartet Frohnmeyer. Karl-Heinz Scheunemann vom Bankhaus Metzler geht noch einen kleinen Schritt weiter. „Ein Großteil der möglichen schlechten Nachrichten ist aufgebraucht“, sagt er. Jetzt sei es Zeit für positive Neuigkeiten. Wer optimistisch für Endotag und Polyphenon sei, dürfe mit einem deutlich höheren Kurs rechnen.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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