Gesetze müssen Qualitätssiegel konkretisieren
Begriff Nachhaltigkeit bleibt umstritten

Das Interesse der Anleger an nachhaltigen Investments steigt, doch die Umsetzung des Anlagekonzeptes bleibt umstritten. Manche Fondsanbieter wünschen sich genauere gesetzliche Anforderungen. Andere wollen von Vorschriften nichts wissen und verweisen auf entsprechende Erfahrungen im Ausland.

FRANKFURT/M. Im Altersvermögensgesetz, das die private und betriebliche Altersvorsorge regelt, ist Nachhaltigkeit bisher nur mit einem Satz berücksichtigt: Seit Januar 2002 müssen Fondsanbieter schriftlich darüber informieren, ob und gegebenenfalls wie sich ethische, soziale und ökologische Belange bei der Verwendung der eingezahlten Beiträge in den Portfolios widerspiegeln. „Da hat der Gesetzgeber die mildeste Form gewählt“, sagt Klaus Riester, Geschäftsführer von Sarasin Deutschland, einer Tochtergesellschaft der Schweizer Privatbank Sarasin. Nach Informationen des Instituts für Markt-Umwelt-Gesellschaft an der Universität Hannover (Imug) kommen in Deutschland nur neun Anbieter der im Gesetz vorgesehenen Berichtspflicht nach.

Für Christian Gallwitz, Fondsanalyst der Deka-Bank, ist das zu wenig:„Die Gesetze sind teilweise wenig detailliert. Es wäre wünschenswert, wenn eindeutig hervorginge, welche Branchen nicht zu einem nachhaltigen Investment dazugehören sollten.“ In einem nachhaltigen Fonds ist nach Ansicht von Gallwitz um Beispiel kein Platz für Energie- oder Automobilaktien. Noch könne sich jede Firma am Markt als „nachhaltig“ beschreiben. Darunter leide die Glaubwürdigkeit von Fondsanbietern, die den Nachhaltigkeitsansatz ernsthaft verfolgten.

Sarasin-Mann Riester spricht sich deshalb für eine Präzisierung des Begriffs „Nachhaltigkeit“ aus, damit die Produkte eindeutig zugeordnet werden können und das positive Image von branchenfremden Anbietern nicht missbraucht werden kann. Er hofft, dass Nachhaltigkeit künftig im Wertpapierhandelsgesetz berücksichtigt wird. Dann müssten Fondsberater gegenüber Privatanlegern nachhaltige Investmentstrategien immer ansprechen. „Bisher haken viele Berater ihren Fragekatalog routinemäßig ab. Für tiefergehende Fragen bleibt da häufig keine Zeit“, sagt Riester.

Stefan Peller, Asset Manager des Züricher Vermögensverwalters Sustainable Asset Management (SAM) geht davon aus, dass der existierende Gesetzestext in nächster Zeit konkretisiert wird. „Verschiedene Parteien – Nicht-Regierungsorganisationen, Asset Manager, Politiker, aber auch die Investor-Relations-Abteilungen großer Firmen – drängen darauf, dass insbesondere Pensionskassen und -fonds Geld für die Mitarbeiter nach nachhaltigen Kriterien anlegen und verwalten lassen“, sagt Peller. Ähnliches gelte für Stiftungen, zum Beispiel Kirchen, die sich den Zielen nachhaltigen Wirtschaftens verschrieben hätten. Das Ministerium für Gesundheit und Soziales wies diese Vermutungen zurück: „Die Frage einer Konkretisierung stellt sich nicht.“

Gallwitz’ Vorschlag, einige Unternehmen von vornherein auszusperren, gibt BHW-Invest Geschäftsführer Hans-Jürgen Dannheisig keine Realisierungschance: „Wenn der Gesetzgeber ganze Branchen ausschließt, verhindert er die breite Akzeptanz dieser Konzepte“. Er setzt wie Peller vor allem auf die Einzahler in Pensionskassen und Pensionsfonds. „Versorgungswerke und Vermögensverwalter müssen eine faire Balance zwischen Performance und ökologisch- sozialen Kriterien erfüllen können, sonst stoßen sie auf erheblichen Widerstand in ihren Gremien. Dann bleibt nachhaltiges Investment ein Feigenblatt, statt sich als eigener Investmentstil zu etablieren“, vermutet Dannheisig. Auch Andreas Fink, Sprecher beim Bundesverband Investment und Asset Management (BVI), teilt diese Ansicht: „Die Kriterien für Geldanlage vorzuschreiben, würde die Freiheit der Anleger erheblich beschneiden.“

Im Ausland wird die Entscheidungsfreiheit der Anleger übrigens groß geschrieben. In Österreich gilt seit dem 1. Januar ein Gesetz zur betrieblichen Mitarbeiterversorgung. Obwohl Nachhaltigkeit nicht explizit vom Gesetzgeber gefordert wurde, hat allein die Allianz-Tochter BAWAG 16 000 Verträge mit Nachhaltigkeits- Konzepten abgeschlossen und damit einen Marktanteil von rund 20% erzielt. In der Schweiz ist ebenfalls kein Gesetz notwendig, um Nachhaltigkeit bei der Fondsanlage zu berücksichtigen. „Dort sind nachhaltige Produkte seit über zehn Jahren in Pensionskassen verankert“, sagt Riester.

Nach Informationen der Sarasinbank betrug das Volumen in Umwelt- und Nachhaltigkeitsfonds in Deutschland 1999 rund 500 Mill. € und im Mai 2003 etwa 2,1 Mrd. €. Das verwaltete Vermögen entspricht rund 0,5 % des gesamten Publikumfondsvermögens.

Quelle: Handelsblatt

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