Gesunkene Nachfrage
Investoren meiden Genüsse

Genussscheine sind in der Gunst der Anleger gesunken. Die Misere liegt Experten zufolge zum einen am generell schwierigen Umfeld für Anleihen und zum anderen daran, dass der Markt für diese nur in Deutschland bekannten Wertpapiere austrocknet.

FRANKFURT. „Früher war die Nachfrage gerade von Privatanlegern eindeutig besser“, sagt Frank Lötterle, Genussscheinhändler bei der Baader Wertpapierhandelsbank in Stuttgart.

Genussscheine sind eine Mischung aus Anleihen und Aktien. Wie bei Anleihen wird das Kapital bei fester Laufzeit am Ende zurückgezahlt und bis dahin verzinst. Anders als bei Anleihen gibt es die Zinszahlungen bei Genüssen aber meist nur dann, wenn das Unternehmen einen Bilanzgewinn ausweist. Außerdem können Genussscheinbesitzer bei einem Bilanzverlust einen großen Teil ihres eingesetzten Kapitals verlieren. Diese schmerzhafte Erfahrung machen gerade die Besitzer von Genussscheinen der angeschlagenen Allgemeinen Hypothekenbank Rheinboden (AHBR), die am 1,1 Mrd. Euro hohen Bilanzverlust des Instituts beteiligt werden. Die AHBR gehört inzwischen dem Finanzinvestor Lone Star, der davon ausgeht, dass die Hypothekenbank nicht vor dem Jahr 2008 in die Gewinnzone zurückkehrt.

Die Genussscheine anderer Emittenten wurden durch den Fall AHBR, der im vergangenen Oktober eskalierte, aber nur kurz belastet. „Inzwischen spielt dieses Thema keine Rolle mehr“, sagt Händler Lötterle. Die meisten Banken, die sich häufig über diese Produkten finanzieren, haben in diesem Jahr gute Ergebnisse vorgelegt, Wackelkandidaten machen Experten nicht aus. „Von daher sind die Risiken überschaubar und Genussscheine durchaus noch attraktiv“, sagt DZ-Bank-Analyst Hartmut Preiß.

Für Genussscheine bekommen Anleger je nach Laufzeit und Bonität des Emittenten 0,70 bis 1,70 Prozentpunkte mehr Rendite als für Bundesanleihen, bei denen das Ausfallrisiko gleich Null ist. Preiß nennt als attraktive Beimischung im Depot zum Beispiel den bis Dezember 2007 laufenden Genussschein der Dresdner Bank oder das zwei Jahre später fällige Papier der Commerzbank. Diese Genüsse rentieren derzeit um die 4,20 und 4,60 Prozent.

Der Markt ist allerdings nach Berechnungen der DZ Bank mit ausstehenden Papieren über nur noch 17,5 Mrd. Euro sehr klein, und die einzelnen Papiere sind illiquide. Zum Vergleich: Bund, Länder und Kommunen haben Anleihen über 1,09 Bill. Euro auf dem Markt. Die geringe Liquidität der Genussscheine ist ein Grund dafür, dass sie sich trotz Verlusten besser gehalten haben als Staatsanleihen (s. „Abwärtstrend“). Generell leiden Zinspapiere unter den Ängsten vor höherer Inflation und steigenden Leitzinsen. Die meisten Experten erwarten aber, dass sich die Kapitalmarktzinsen stabilisieren werden.

Die meisten Genüsse werden von Banken begeben, die sie nach deutschen Rechnungslegungsvorschriften zum Teil auf ihr Eigenkapital anrechnen können. Börsennotierte Firmen müssen ihre Zahlen aber auch nach internationalem Bilanzierungsstandard vorlegen – und dabei gelten Genüsse als Verbindlichkeiten. Das macht sie für die Emittenten unattraktiv. Privatanleger finden eine Auswahl von handelbaren Genussscheinen bei der Börse Stuttgart im Internet unter „www.boerse-stuttgart.de“. Allerdings sind die An- und Verkaufsspannen recht hoch, und deshalb empfiehlt es sich, ein Limit bei der Kauforder anzugeben.

Aus steuerlichen Gründen ist es sinnvoll, Genussscheine nach den jetzt auslaufenden Hauptversammlungen zu kaufen, denn danach werden die Zinsen ausbezahlt. Und anders als bei Anleihen wird der anteilige Stückzins bei Genüssen in den Kurs eingerechnet. Deshalb steigt der Kurs bis zum Kupontermin an und ermäßigt sich am Tag der Zinszahlung in etwa um den Auszahlungsbetrag. Wer nach der Ausschüttung zu niedrigeren Kursen kauft und die Papiere mindestens ein Jahr hält, streicht den Kursgewinn nach derzeit geltender Gesetzgebung steuerfrei ein.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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