Gewinnerwartungen der Unternehmen in Europa werden reduziert
Börsianer stellen sich auf Rückschläge ein

Weil jetzt täglich mehr Quartalsberichte der europäischen Unternehmen anstehen, werden die Investoren zunehmend nervös. Bisherige Ergebnisse von Nokia, Philips und SAP legen nahe, dass die Gewinnschätzungen weiter nach unten korrigiert werden müssen.

DÜSSELDORF. Eine solche Korrektur droht – zumindest kurzfristig – auch den Börsen, meinen Skeptiker. HSBC-Stratege Volker Borghoff erwartet sogar massive Rückschläge: „Anleger sollten sich die Frage stellen, ob man Aktien jetzt haben muss.“ Borghoff rechnet damit, dass die Unternehmen im Deutschen Aktienindex (Dax) 2003 durchschnittlich 26 % weniger verdienen werden, als jetzt noch erwartet wird. Aktuell liegen die Konsensschätzungen bei plus 27 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. „Fallen die Ergebnisse schlechter aus, sinken auch die Aktienkurse“, meint Borghoff. Er rechnet damit, dass der Dax im Laufe der nächsten Monate unter seine „Jahresendzielprognose von 2 600 Punkten“ fällt. Das wäre ein Minus von 25 %. Angesichts einer Inflation nahe null sieht er Renten mit einem Nominalzins von 4 % im Vorteil gegenüber Aktien.

Diese weisen zwar eine fast historisch niedrige Bewertung auf. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf Basis der erwarteten Gewinne liegt bei elf. Deutlich billiger waren Aktien nur zweimal: Anfang der achtziger Jahre und nach dem Einbruch während der Irak-Kriegsängste im Frühjahr dieses Jahres. Jedoch steigt das KGV, wenn die Gewinnschätzungen nach unten korrigiert werden.

West-LB-Panmure-Stratege Andreas Hürkamp rechnet ebenfalls mit kurzfristigen Rückschlägen an den Börsen, weil einzelne Firmen für Enttäuschungen sorgen dürften. „Bauchschmerzen bereitet der hohe Euro-Kurs“, sagt Hürkamp. Unternehmen wie VW, MAN oder Aixtron exportieren stark in den Dollarraum und leiden deshalb besonders, weil der Euro derzeit rund 25 % mehr wert ist als vor einem Jahr. Insbesondere bei VW fürchten Analysten bei der Bilanzvorlage am Freitag negative Überraschungen, die der Markt noch nicht ausreichend berücksichtigt hat. Anders als andere große Unternehmen sichert der Wolfsburger Autokonzern seine Geschäfte nicht gegen Devisenschwankungen ab. Davon profitierte VW in Zeiten des starken Dollars. Jetzt rächt sich die Risikostrategie.

Trotz der schlechten Vorzeichen ist Hürkamp aber auf längere Sicht für die Aktienmärkte optimistisch. Denn die durchschnittlichen Gewinnschätzungen der Analysten, wonach die Unternehmen im europäischen Stoxx-50 im laufenden Jahr um ambitionierte 37 % und im nächsten Jahr um 14 % und im Dax um 27 % und 2004 noch einmal um 10 % zulegen werden, hält er für verzerrt.

Tatsächlich verbergen sich hinter diesen Prognosen einmalige Sonderfälle wie Deutsche Telekom, Allianz, Münchener Rück und Lufthansa. Diese Unternehmen steigern ihre Gewinne im laufenden Jahr zum Teil um mehrere hundert Prozent, ohne dass dies große Überraschungen, geschweige hervorragende Ergebnisse sind. Grund ist, dass viele Firmen das vergangene schlechte Jahr zu hohen Einmalabschreibungen genutzt haben, um Altlasten rasch hinter sich zu lassen. Infolgedessen vergleichen sich die Unternehmen mit einem Ausnahmejahr. Lässt man diese Sondereinflüsse außer Acht, errechnen sich laut Hürkamp lediglich Gewinnzuwächse von 2 % bei den europäischen Blue Chips und 3 % bei den Dax-Werten. Er rechnet allerdings mit einem höheren Gewinnwachstum. Auch 2004 dürften die Konsenserwartungen im Dax von 6 % (ohne Sonderfaktoren) geschlagen werden. Hürkamp sieht deshalb den Dax im nächsten Jahr auf 4 000 Punkte steigen.

Von 3 300 auf 3 700 Punkte hat Carsten Clude von der Hamburger Privatbank M.M. Warburg sein „faires Kursziel“ für den Dax erhöht. Das ergibt ein Potenzial von 10 %. Clude erwartet zwar nicht, dass die Unternehmen bei ihren Gewinnen die Trendwende schaffen. Doch der bisherige Trend, die Prognosen ständig nach unten anzupassen, habe nachgelassen. Das entfacht offenbar Optimismus.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%