Gottfried Heller im Interview

„Es ist noch viel Gift im Finanz-System“

Die globalen Märkte sind zu mächtig, obwohl ihre Erfolgsbilanz miserabel ist, klagt Börsen-Altmeister Gottfried Heller. Im Interview spricht er über mächtige Spekulanten, hilflose Politiker und Chancen für Anleger.
  • Henrik Mortsiefer
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Gottfried Heller. Quelle: Fiduka

Gottfried Heller.

(Foto: Fiduka)

Herr Heller, die Aktienkurse steigen wieder. Ist der Spuk an den Börsen schon wieder vorbei?

Gottfried Heller: Ein Spuk? Das klingt wie ein Sommergewitter, das vorbeigezogen ist – wie jeden Sommer. Dieser Absturz war aber etwas anderes, und es liegt noch sehr viel Unsicherheit in der Luft. Wir haben noch einiges vor uns in der Schuldenkrise.

Der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan sieht den Euro zusammenbrechen, auch Großinvestor George Soros warnt vor einem Kollaps. Sind Sie auch so pessimistisch?

Nicht für die nächsten ein bis zwei Jahre. Danach wird der Euro auch nicht völlig verschwinden. Aber vielleicht schon in fünf Jahren wird er nicht mehr die gleichen Mitglieder wie heute haben.

Anders als frühere Finanzkrisen wird diese also noch Jahre dauern?

Es ist noch viel Gift im Finanz-System. Damit meine ich staatliche und private Schulden. Darunter befinden sich eine Menge Ramschanleihen oder auch Giftmüll. Die lassen sich nicht wie bei einer Diät in wenigen Monaten beseitigen. Inflation lässt sich leichter mit steigenden Zinsen bekämpfen. Schulden sind wie ein Gift, das über Jahre ausgeschwemmt werden muss. Man kann es auch so beschreiben: 2008/2009 lag die Finanzwelt auf der Intensivstation, jetzt befindet sie sich in der Rekonvaleszenz, gesund sein wird sie bestenfalls in einigen Jahren.

Was macht Staatsschulden so giftig für den Finanzmarkt in der Euro-Zone?

Die Menschen haben das ungute Gefühl, dass die Politik nicht mehr funktioniert. Der Euro-Stabilitätspakt wurde verletzt und der vertraglich vereinbarte Haftungsausschluss („No Bail-out“) wurde gebrochen; die Europäische Zentralbank hat ihre Unabhängigkeit verloren. Und die Griechen, Italiener, Spanier und Portugiesen wollen nun – nachdem der Euro-Beitritt ihnen rekordtiefe Zinsen beschert hatte – auch noch ein weiteres Geschenk: Euro-Bonds. Diese wären die europäische Version der amerikanischen „Subprime“-Ramschanleihen, an denen das Land noch heute leidet. Man stärkt die Schwachen nicht, indem man die Starken schwächt. Mit der finanziellen Überbelastung droht auch Deutschland, seine Bestnote als Schuldner zu verlieren.

Volatile Finanzmärkte, eine fragile Währung, hilflose Regierungen und wilde Spekulation – haben Sie eine solche Konstellation schon einmal erlebt?

In dieser Häufung und globalen Vernetzung habe ich es in den gut 40 Jahren, in denen ich am Finanzmarkt bin, noch nicht erlebt. Frühere Finanzmarktkrisen gingen von der Wall Street aus, von Ölpreisschocks oder Überspekulation. Das konnte jeweils nach kräftigen Kurseinbrüchen wieder geheilt werden. Heute haben wir es mit einem Schuldenproblem aller wichtigen Industrieländer zu tun. Und mit einer Politik, die ja nicht nur in Europa hilflos und funktionsunfähig ist, sondern auch in den USA.

Ist die Politik auch deshalb hilflos, weil sie zu sehr auf die Märkte schaut?

Die Märkte sind wie ein Rudel Wölfe, das ein waidwundes Tier angreift. Italien und Spanien wurden lange umkreist und schließlich angegriffen. Von solchen Attacken wird die Politik immer wieder überrascht. Sie reagiert dann nur und handelt nicht vorausschauend.

Lässt sich dieses Rudel Wölfe, wie Sie sagen, nicht zähmen?

Nein. Das sind die Nebenwirkungen der Globalisierung. Die Politik kann zwar, wie jüngst geschehen, Leerverkäufe in einigen Ländern verbieten. Dann machen die Spekulanten aber diese Geschäfte eben woanders.

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14 Kommentare zu "Gottfried Heller im Interview: „Es ist noch viel Gift im Finanz-System“"

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  • Starke Königreiche ohne Reformen sind auch Bankrott gegangen.
    Ebenso Kommunismus, Wasser predigen Wein trinken.

  • Leider kann die Boerse so sehr auf die Stimmung druecken das der Konsum darunter leidet . Und daran haengen unsere Jobs.
    Eurobonds sind nicht der Freibrief zum schlechten Wirtschaften . Warum sagen die sowas ?
    Haette Europa gleich mit mehr Gemeinsamkeit ( Eurobonds ) geantwortet , waere es nicht so weit gekommen . ZB. Griechenland waere gar nicht im Rating gefallen und die Zinsen nicht so angestiegen .
    Der Rettungsschirm ist geschaffen um sich vor allem aus allen zu druecken . Typisch Merkel , Westerwelle politik .
    Je laenger Deutschland Eurobonds als Teufelszeugt abstempelt . Wird es nur schlimmer .
    Bringen sie wieder eine Eurofantasie ins Spiel . Ein Land ein Volk was auch immer . Wir haben keine Lust 5 , 10 Jahre oder immer , ueber Rettungsschirme zu reden . Ueber schlechte Laender und gute Laender , ueber schlechte Menschen und gute . Das ist doch keine Politik .
    Darin steckt die Gefahr zum Rassenhass .

  • Kommt nach 2 Versuchen noch was Sinnvolles von Ihnen oder bleibts bei Stuß?

  • @POPPER
    Zitat: "Natürlich sind die Staaten in Europa verschuldet, aber nicht, weil sie falsch gewirtschaftet hätten, sondern weil sie das Bankensystem vorm Totalabsturz retten mussten. Insoweit redet Herr Heller den gleichen Unsinn nach..."

    Ich weiß nicht, welches Interview mit Heller Sie gelesen haben. Ich für meinen Teil kann in keiner Zeile lesen, daß er die Rettung der Banken NICHT AUCH als einen Teil der Ursachen der Staatsverschuldung sieht. Er geht auch gar nicht ausufernd tief auf die Ursachen ein, er geht nur von dem Umstand aus, daß die Staaten JETZT so verschuldet sind. Was sie ja auch Fakt ist! Insofern kann ich den "Unsinn", den Sie Heller vorwerfen, nicht nachvollziehen.
    Im Gegenteil: Das Interview gibt klare Ursachen und Fakten wieder und geht u.a., wie nicht oft von Börsenspezies geäußert, auch auf den immer schnelleren und unkontrollierbaren Computerhandel ein, der menschliche Entscheidungen immer mehr zurückdrängt.

    Insgesamt Sätze eines erfahrenen Börsenprofis mit genügend Abstand zum "System". Prima!

  • Heller meint in diesem Fall das Handeln der Akteure, sie benehmen sich, als sei die Börse ein Casino; daher kann man diese Metapher durchgehen lassen. Kann allerdings auch drüber diskutieren, wenn man anderer Meinung ist.

  • Ich wünschte, die Börse wäre ein Casino: Die Wahrscheinlichkeit für den gesamten Finanzmarkt für UP:DOWN = 50:50 und die einzelne Aktie wäre unvorhersagbar. Obendrein noch die unangenehme Aufsichtsbehörde für Casinos im Genick. Als Anleger ist man da vor Manipulationen bestens geschützt. Also Herr Heller: Erst denken, dann metaphern.

  • Was haben Aktienkurse mit Freiheit, Frieden und Wohlstand zu tun? Nichts, rein gar nichts. Warum Diskutieren dann alle darüber? Weil man so von den wirklichen Problemen der Welt wie Hunger, Umweltverschmutzung, Krieg und soziale Ungerechtigkeit ablenken kann. 7 Milliarden Menschen auf der Welt betreffen die Aktienkurse gar nicht. Um nicht zu sagen, das geht denen am A... vorbei. Das globale Finanzsystem hat kein Problem, es ist das Problem. Wir müssen reale Werte in unserem System schaffen, nicht Luftblasen an den Börsen oder Geld aus dem Nichts.

  • "Gift, Ramsch, Diät, Intensivstation, Rekonvaleszenz, ungutes Gefühl": Der Mann sollte zum Arzt gehen.

  • Uiiiiih, da ist aber einer sauer!!!
    Mir geht aber was anderes auf den Keks!
    Was ich in den letzten Jahren hier lese würde wenn dies alles eintrifft, oder eingetroffen wäre (Goldpreis stürzt ab, Konsum dto., Euro und USD wertlos, alle Banken pleite) zu folgendem Cenario führen: Europa, USA, China, Russland alles komplett deindustrialisiert, weil völlig Pleite. Einziges überlebendes Land mögl. Thailand, weil schuldenfrei, aber zu klein um uns alle auf zu nehmen.
    Trotzdem geht die globale Erwärmung natürlich weiter, und wir saufen alle ab, natürlich die Holländer zuerst, Gott sei Dank.
    Meiner treu, muss denn bei jedem Aufwärtspflänzchen jedesmal ein ganzes Heer von Spinnern Artikel schreiben, dass es auch wieder nach unten gehen könnte? Wissen wir das nicht alle auch so? Und denkt denn keiner daran, dass 2012 eh alles zu Ende geht (siehe Film Emmerich)? Wer hat schon sein Ticket für die Arche? Ich hoffe die Journalisten und Medienvertreter nicht.
    Also: No Risk no fun und ohne Knete keine Fete!!!
    Mit der Einstellung lebt es sich wesentlich besser, als die ständige panikmacherei...
    Find Ich
    Gruss Dumbledoor

  • Da liest aber einer nicht richtig.

    Er sagt ganz klar im Interview:
    Die Politik darf den Banken nicht mehr die Gewissheit geben das sie gerettet werden.

    Und so sehe ich das auch, die Politiker müssen sich von der Erpressung der Banken frei machen. Notfalls mit dem Slogan:
    Wenn wir dann alle unter gehen geht ihr auf jeden Fall mit unter.

    Und es müssen scharfe Gesetze her was die Risiken angeht die ein Geldhaus eingehen darf. Notfalls mit Strafmaß KNAST nicht unter 5 Jahre, keine Bewährung möglich. Sprich man muss Fahrlässigkeit bei Banken unter Strafe stellen. Und hier darf die Beweislast nicht groß sein, wer Geld von Steuerzahler benötigen würde, wird auch von der Staatsanwaltschaft verfolgt, da der verdacht nahe liegt das zu hohe Risiken eingegangen wurden.

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