Größter Finanzskandal seit Flowtex-Pleite
Im Sog der Gier

Die bisherige Entwicklung bietet die beste Ausgangsposition für ein zweistelliges Jahresergebnis. 2005 wird noch besser.“ Von Bescheidenheit hält der Finanzvertrieb Innofinanz aus dem thüringischen Schmalkalden wenig. Vollmundig wirbt Berater Jürgen Cramer in einem Reklamebrief für die Produkte des Frankfurter Wertpapierhauses Phoenix. Mit gutem Gewissen, schließlich haben die hochspekulativen Anlagen 30 000 Investoren Jahr für Jahr Renditen von mehr als zehn Prozent beschert – zumindest auf dem Papier.

FRANKFURT. Der Werbebrief ist noch keinen Monat alt. Inzwischen aber ist Berater Cramer tief deprimiert, wenn auch nicht so deprimiert wie seine Kundschaft. „Wir wurden alle verschaukelt“, murmelt er mit heiserer, kaum hörbarer Stimme. Der Grund: Phoenix gibt es nicht mehr. Nur der Briefkasten hängt noch am schmiedeeisernen Tor des Frankfurter Arcadia-Büro-Hauses in der Vilbeler Straße 28. Die Firmenschilder sind bereits abgeschraubt. Doch es fehlt viel mehr als ein paar Messingplaketten. Belege für ein Konto mit einem Guthaben von rund 800 Millionen Euro wurden über viele Jahre hinweg systematisch gefälscht, befürchten die Staatsanwälte. Das Geld ist verschwunden, Phoenix liegt in Staub und Asche, und Deutschland droht der größte Finanzskandal seit dem Zusammenbruch der Karlsruher Betrugsfirma Flowtex vor ein paar Jahren.

Finanzvertriebe wie die thüringische Innofinanz haben das Phoenix-Produkt „Managed Account“ seit Jahren per Telefon an Zehntausende Anleger, viele davon in Ostdeutschland, der Schweiz und Österreich verkauft. „Managed Account“ ähnelt einem Hedge-Fonds und handelt mit Optionen auf Öl, Kaffee, Devisen oder Aktienindizes an den internationalen Terminmärkten. Lockmittel für die Anlage im unregulierten Grauen Kapitalmarkt waren Versprechen über traumhafte Renditen, die sich Phoenix mit Gebühren von mehr als der Hälfte des eingesetzten Geldes bezahlen ließ.

Ob Phoenix mit dem Kapital der Anleger jemals wirklich Termingeschäfte abgeschlossen hat, ist fraglich. Noch stehen die Untersuchungen am Anfang, doch Anlegerschützer und Ermittler befürchten, dass hinter der Wertpapierhandelsbank ein Schneeballsystem steckt, bei dem die ausgeschütteten Scheingewinne nicht aus dem Wertpapierhandel, sondern aus den Einzahlungen neuer Anleger stammten.

Insolvenzverwalter Frank Schmitt von der badischen Kanzlei Schultze & Braun hat das Sich-Wundern noch nicht verlernt: „So etwas habe ich noch nie erlebt, es ist kaum vorstellbar, dass die Unregelmäßigkeiten über eine so lange Zeit nicht auffielen.“ Dabei sollte den Anwalt mit den dünnen, dunkelblonden Haaren und dem Dreitagebart eigentlich nichts mehr überraschen. Immerhin war es Schmitt, der als Insolvenzverwalter nach der Flowtex-Pleite aufgeräumt hat. Die lange hochangesehene Firma hatte 3 000 Bohrsysteme an Leasinggesellschaften verkauft, doch die Maschinen existierten nur auf dem Papier – Schaden: zwei Milliarden Euro.

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