Gute Fundamentaldaten
Banken empfehlen türkische Aktien

Der EU-Fortschrittsbericht drückt auf die Stimmung am Bosporus: Aktien und Lira-Kurs sind auf Talfahrt, seit die Brüsseler Kommission am vergangenen Mittwoch ihr kritisches Gutachten vorlegte. Der ungelöste Zypernstreit und eine mögliche Aussetzung der Beitrittsverhandlungen am Jahresende lassen viele Anleger nervös werden. Dennoch bleiben viele Analysten positiv gestimmt.

ISTANBUL. Auch die Gewinne der Demokraten bei den US-Wahlen werden als negativ für die türkischen Interessen interpretiert und beeinträchtigen das Börsenklima. Dennoch bleiben viele Analysten positiv gestimmt für türkische Dividendenpapiere. „Die Bewertungen zählen zu den attraktivsten aller Schwellenländer“, meinen Andrew Howell und Geoffrey Dennis von der Citigroup. Die Bank empfiehlt ebenso wie JP Morgan, türkische Aktien überzugewichten. Zuversichtlich stimmen vor allem die Fundamentaldaten: Das Wirtschaftswachstum dürfte im kommenden Jahr mit etwa sechs Prozent erneut weit über dem EU-Durchschnitt liegen. Die Firmengewinne steigen, die im Inflation beginnt sich wieder abzuschwächen und das Haushaltsdefizit ist im Griff.

Wie positiv Ausländer den Markt sehen, zeigen die steigenden Investitionen: Die Citigroup kaufte Mitte Oktober 20 Prozent an der zweitgrößten türkischen Bank Akbank. Die französische Crédit Agricole zeigt Interesse an einer Übernahme der Oyak Bank. Für 2007 rechnet Finanzminister Kemal Unakitan mit ausländischen Direktinvestitionen im Rekordvolumen von 20 Mrd. Dollar.

Vor diesem Hintergrund treten die Schwierigkeiten bei den EU-Beitrittsverhandlungen für viele Anleger in den Hintergrund. Selbst wenn der EU-Gipfel die Aussetzung einiger Verhandlungskapitel beschließe, werde das die Märkte nicht entmutigen, glaubt Tevfik Aksoy, Türkei-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Analysten verweisen zudem darauf, dass ein EU-Beitritt – wenn überhaupt – frühestens in 10 bis 15 Jahren vollzogen werde.

Ein Unsicherheitsfaktor für ausländische Anleger bleibt allerdings der hoch volatile Wechselkurs der Lira. Im Mai und Juni, als ausländische Anleger den Schwellenmärkten den Rücken kehrten, verlor die Lira gegenüber dem Dollar fast ein Viertel ihres Wertes. Die Verluste sind zwischen weitgehend wieder wettgemacht, „wir sind für die Lira aber nicht besonders optimistisch“, sagt Murat Ülgen, Chefvolkswirt bei HSBC in Istanbul. Nicht nur das ausufernde Leistungsbilanzdefizit könnte die Währung erneut unter Druck bringen. Risikofaktoren sind auch die im kommenden Jahr fälligen Präsidenten- und Parlamentswahlen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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