Handelsblatt-Feature
Grauer Markt, blauäugige Anleger

Die in Madrid lebende Engländerin Barbara Long kann es immer noch nicht fassen. Nicht von ihrem spanischen Anlageberater, sondern vom Nachrichtensprecher im Fernsehen bekommt sie die Nachricht, dass das Unternehmen, dem sie und ihr Mann William 60 000 Euro anvertraut haben, am Ende ist:

MADRID. Die Polizei habe in Madrid die Geschäftsräume durchsucht und neun Personen festgenommen, erfährt sie. Bilanzfälschung, Geldwäsche, Korruption und Anlagebetrug im großen Stil werden dem seit 26 Jahren tätigen Auktionshaus und Kunstanlageunternehmen Afinsa vorgeworfen.

Für die Anlegerin ist das unfassbar. Das Unternehmen macht gemäß seinen Geschäftsberichten rund 600 Millionen Euro Umsatz, besitzt 24 Filialen im Ausland. Ebenfalls durchsucht werden die Räume des spanischen Briefmarkenversandhauses Fórum Filatélico, seit 25 Jahren im Geschäft, Umsatz 840 Millionen Euro. Manager von Afinsa und Fórum Filatélico machten den Ermittlern zufolge gemeinsame Sache. Bei dem Fall handelt es sich nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen um den größten Anlagebetrug der spanischen Geschichte. 400 000 Menschen werden wahrscheinlich – wie die 46-jährige Barbara Long und ihr Mann William – keinen Cent mehr von ihren Briefmarken-Investments sehen. Denn viele Briefmarken sind gefälscht oder viel weniger wert, als die Unternehmen angegeben haben.

Bisher sind nach Angaben des Bundeskriminalamts und der Deutschen Botschaft unter den Geschädigten keine Deutschen. Aber auch rund 20 000 Portugiesen hatten ihr Geld bei dem spanischen Unternehmen angelegt.

Fünf Tage nach der Schreckensnachricht entdecken die Fahnder zu Longs Freude Schwarzgeldkonten mit 240 Millionen Euro in der Schweiz und zahlreichen Steuerparadiesen. Aber die Hoffnung, noch etwas von ihrem Geld zu sehen, gibt sie schnell auf: Die Schadenssumme steht zwar noch nicht genau fest, das Finanzloch beider Unternehmen beträgt nach den Erkenntnissen der Staatsanwälte jedoch um die fünf Milliarden Euro.

Eine Riesenpleite, auch für die Angestellten von Afinsa und Fórum Filatélico, die zum Großteil noch immer an die Unschuld der vor ihren Augen abgeführten Chefs glauben. Bisher haben die Verhafteten nur gestanden, dass der Kaufpreis der Briefmarkensammlungen nicht dem wahren Wert entsprach. Afinsa hat bis zu 1 000 Prozent aufgeschlagen. Bei einem Briefmarkenlieferanten fanden die Ermittler allerdings eine Fälscherwerkstatt im Keller.

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