Handelsblatt-Serie Insider-Barometer
Unternehmens-Insider verkaufen Aktien

Die deutschen Unternehmenslenker bewerten die Lage an den Börsen so skeptisch wie lange nicht mehr. In jüngster Zeit häufen sich die Aktienverkäufe durch Firmeninsider. Experten sehen darin ein klares Warnsignal.

FRANKFURT. „Bereits in den vergangenen Wochen ist die Zahl der Aktienkäufe deutlich zurückgegangen, jetzt sehen wir aber erstmals steigenden Verkaufsdruck“, sagt Olaf Stotz vom Forschungsinstitut für Asset Management (Fifam). „Auffällig ist dabei, dass sowohl die Zahl der Insiderverkäufe als auch deren Volumen zugenommen hat.“

Die wachsende Skepsis von Vorständen und Aufsichtsräten spiegelt das Insider-Barometer wider, das das Handelsblatt in Zusammenarbeit mit dem Fifam und Commerzbank Private Banking alle zwei Wochen veröffentlicht. Mit 118,24 Punkten liegt das Barometer so niedrig wie seit Mitte Juni nicht mehr. Ein Abrutschen in den „neutralen Bereich“ zwischen 90 und 110 Punkten, der auf eine Seitwärtsbewegung an den Börsen hindeutet, scheint kurz bevorzustehen.

Diese Tendenz deckt sich mit den jüngsten Aussagen vieler professioneller Aktienbeobachter. „Die Kursrally dürfte sich so nicht fortsetzen, wir erwarten in den nächsten Monaten einen deutlich holprigeren Markt“, sagt etwa Manfred Bucher, Aktienstratege der Bayerischen Landesbank. Nach positiven Überraschungen in den vergangenen Monaten – vor allem guten Unternehmensdaten und einem deutlich schwächeren Ölpreis – werde sich die Nachrichtenlage nun abschwächen, erwartet Bucher. In sechs Monaten sieht er den Deutschen Aktienindex (Dax) bei 6 200 Punkten.

Beim Heizkostenerfasser Techem kamen zwei Aufsichtsrats-Mitglieder möglichen Rückschlägen an der Börse zuvor und verkauften Aktien im Wert von mehr als 300 000 Euro. Hintergrund: Der australische Investor Macquarie hat Ende Oktober 44 Euro je Techem-Aktie geboten, seither ist der Kurs des MDax-Wertes auf knapp 50 Euro gestiegen. Viel mehr Potenzial trauen die Analysten der Commerzbank der Aktie nicht zu, auch wenn sich das Unternehmen operativ gut entwickle. Gut möglich, dass die Aufsichtsräte gerade rechtzeitig ausgestiegen sind.

Weniger eindeutig ist die Situation bei MTU Aero Engines und Wirecard. Für beide Unternehmen sprachen Analysten nach Informationen des Datenanbieters Bloomberg in den vergangenen Monaten ausschließlich Kaufempfehlungen aus. Dennoch trennten sich Insider von ihren Aktien. Bei Wirecard verkaufte ein Familienmitglied des Aufsichtsratschef zum zweiten Mal binnen vier Wochen Aktien.

Vertrauen in das eigene Unternehmen bewiesen zuletzt nur die Spitzen des Aufsichtsrates der IDS Scheer AG. Aufsichtsratschef und Unternehmensgründer August-Wilhelm Scheer sowie sein Stellvertreter Alexander Pocsay kauften für insgesamt 1,6 Mill. Euro Aktien. „Sie wollen mit dem Kauf der Aktien nach innen und außen ein Zeichen setzen“, teilte IDS Scheer offiziell mit. Das kann die Aktie auch gut gebrauchen: Seit Anfang August hat sie rund 20 Prozent an Wert verloren.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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