Handelsblatt-Umfrage: Deutsche Aktien bauen Bewertungsabschlag gegenüber ausländischen Titeln ab
Anleger setzen auf den Machtwechsel

Jeder dritte Anleger rechnet nach einem möglichen Machtwechsel in Deutschland mit weiter steigenden Aktienkursen und will entsprechend investieren. Das ist das Ergebnis der monatlichen, repräsentativen Anlegerumfrage des Handelsblatts (Dienstagausgabe) und der Bank Trinkaus & Burkhardt.

DÜSSELDORF. Die angestrebten Neuwahlen in Deutschland beflügeln die Börse. Seit der überraschenden Ankündigung von Bundeskanzler Gerhard Schröder am 22. Mai hat der Deutsche Aktienindex (Dax) knapp vier Prozent zugelegt. Hingegen kamen die Aktien weltweit durchschnittlich nur auf knapp ein Prozent. Damit baut sich der seit 1998 immer größer gewordene Bewertungsabschlag deutscher Aktien zügig ab. Geht es nach dem Votum der Anleger und Analysten, schneidet der Dax auch in Zukunft besser als andere Indizes ab.

Jeder dritte Anleger rechnet nach einem möglichen Regierungswechsel mit weiter steigenden Kursen und kündigt an, auch entsprechend zu investieren. Das ist das Ergebnis der Anlegerumfrage des Handelsblatts und der Bank Trinkaus & Burkhardt (siehe „Anleger-Barometer“). Zwar schätzen 42 Prozent der Anleger den Einfluss der Politik auf die Wirtschaft gering ein und verneinen, dass Neuwahlen einen Aufschwung bewirken können. Auch ist auffällig, dass eine Mehrheit von 57 Prozent die Stimmung im eigenen Umfeld als schlecht beurteilt. Doch 58 Prozent der Befragten glauben, dass die Ankündigung Schröders bzw. ein tatsächlicher Regierungswechsel Impulse geben und einen Aufschwung unterstützen werden.

Analysten teilen den Optimismus der Anleger: „Großer Unterschied zu früher ist, dass eine neue Regierung zwei Jahre Zeit hat, um wirklich viel zu bewegen“, sagt Rolf Elgeti von ABN Amro in London. Eine CDU/FDP-Regierung hätte im Bundestag und -rat für mindestens zwei Jahre eine Mehrheit – selbst dann, wenn sich die Deutschen wie in der Vergangenheit verhalten und nach der Bundestagswahl die Regierungspartei in anschließenden Landtagswahlen abstrafen sollten.

Neben der großen politischen Handlungsfähigkeit ist aus Sicht der Hypo-Vereinsbank (HVB) für den Aktienmarkt „die größte Phantasie mit einer möglichen Lockerung/Entkoppelung der Finanzierung der Sozialversicherung von den Lohnnebenkosten verbunden“. Als Profiteure sieht Analyst Tammo Greetfeld Unternehmen, deren Gewinne wesentlich von der Entwicklung der inländischen Lohnkosten beeinflusst werden. Dazu zählt er VW, Thyssen-Krupp, Siemens, MAN, Lufthansa und Deutsche Post.

Eine mögliche Wende in der Energiepolitik und eine Verlängerung der Restlaufzeiten für Kernkraftwerke sollte den Versorgern zugute kommen, weil sich der Preis für die Produktion einer Kilowattstunde nicht wie derzeit angenommen um bis zu 15 Prozent erhöhen würde. Hauptnutznießer ist nach Meinung der HVB Eon, dessen Kernkraftanteil bei fast 50 Prozent liegt. Bei RWE sind es nur 25 Prozent.

Auch wenn sich mögliche Reformen noch nicht in den Firmengewinnen 2006 niederschlagen dürften, wird nach Ansicht der HVB schon die Perspektive darauf dem deutschen Aktienmarkt überdurchschnittliche Chancen geben. Die Bank hat daher das Kursziel für den Dax auf Sicht der nächsten sechs bis zwölf Monate auf 4 800 Punkte angehoben. Gegenüber dem aktuellen Niveau ist das ein Potenzial von sieben Prozent. Bislang veranschlagten die Bayern den Dax innerhalb der nächsten sechs Monate auf 4 575 Zähler. Die HVB glaubt, dass sich der Dax wie schon in den letzten Wochen auch künftig besser als der Euro Stoxx 50 entwickeln wird. „Wie zeitnah die 4 800 Punkte zu unserem Sechsmonatsziel erreicht werden, hängt unter anderem auch davon ab, wie schnell der Reformkurs Konturen gewinnt“, sagt Greetfeld.

Geht es nach den Prognosen etlicher Finanzhäuser, darunter JP Morgan, ABN Amro, Deutsche Bank, Hypo-Vereinsbank, die italienische Banca Imi und Japans Nomura Securities, wird sich der von der WestLB errechnete Bewertungsabschlag deutscher gegenüber amerikanischer Aktien weiter abbauen. Dieser zeigt sich in der – gemessen an den jährlichen Nettogewinnen – niedrigen Börsenbewertung der Unternehmen, und er erhöhte sich nach Angaben der WestLB seit Beginn der rot-grünen Koalition im Herbst 1998 kontinuierlich. Nur im Frühjahr 1999 hatte sich der Abschlag nach dem plötzlichen Abgang des Wirtschafts- und Finanzministers Oskar Lafontaine kurzzeitig verringert. Damals war der Dax binnen weniger Minuten um 5,5 Prozent gestiegen.

Das komplette Anlegerbarometer im PFD-Format

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