Heinz-Kurt Wahren im Interview
„Kleinanleger handeln zu gefühlsorientiert“

Die aktuelle Rally an den Börsen wird weniger von Zahlen, als von der Psychologie getrieben. Das sagt Heinz-Kurt Wahren. Der Betriebswirt und Psychologe erklärt im Interview mit dem Handelsblatt, welche Rolle Stimmungen an der Börse spielen und in welche Fallen die Anleger tappen.

Die Wirtschaft steckt noch in der Krise. Trotzdem setzt die Börse schon auf den Aufschwung. Welche Rolle spielt der Faktor Psychologie bei der aktuellen Börsenrally?

Heinz-Kurt Wahren: Das Anlegerverhalten wird einerseits von Sorgen und Ängsten, andererseits von Wünschen und Hoffnungen beeinflusst, die sich nicht an der Ratio orientieren, sondern das Ergebnis sind von subjektiven Empfindungen sind. Kostolany meinte einmal, dass die Börse zu 90 Prozent aus Psychologie besteht. Dies spiegelt auch die Entwicklung der letzten Wochen wider. Diese war nicht so sehr von ökonomischen Erkenntnissen, sondern vor allem von der Hoffnung getragen, dass man möglichst schnell aus dem Tal herauskommt und die Dinge sich wieder positiv entwickeln.

Die Stimmung unter Anlegern ist Umfragen zufolge so gut wie seit langem nicht mehr: Ist das ein gutes Zeichen oder Warnsignal?

Ich denke, dass die Börsenentwicklung der letzten Wochen bei vielen Anlegern eine noch wackelige, positiven Informationen gegenüber aber durchaus aufgeschlossene Gefühlslage geschaffen hat, und diese nun zunehmend bereit sein werden, auch etwas riskantere Engagements einzugehen. In diesem Sinne sehe ich die gute Stimmung unter Anlegern als ein positives Zeichen.

Und was bewegt die Menschen zurzeit mehr: Die Angst vor Verlusten oder die Angst, die Rally zu verpassen?

Beide Faktoren, sowohl die Angst vor Verlusten als auch die Hoffnung auf eine positive Entwicklung, sind - wenn auch mit jeweils anderen, sich zeitlich verschiebenden Gewichten - in jedem Anleger permanent präsent. So versteckt hinter jeder Gier ein bisschen Angst, und hinter jeder Angst ein bisschen Hoffnung. Die Hoffnung auf Gewinne hat sich in den letzten Wochen erhöht, während sich die Angst vor Verlusten reduzierte. Dass hier bereits ein Gleichgewicht erreicht ist, glaube ich nicht. So werden schon wenige negative Informationen ausreichen, so dass die Angst vor Verlusten wieder absolut dominiert.

Privatanleger steigen oft zu hohen Kursen ein und verkaufen, wenn die Aktien fallen. Warum verpassen so viele den richtigen Zeitpunkt?

Ein wesentlicher Grund für dieses Phänomen dürfte die Informationsasymmetrie sein. Das bedeutet, dass institutionelle Anleger in der Regel über wesentlich mehr und auch bessere Informationen verfügen als Kleinanleger, weshalb sie zumeist auch bessere Zeitpunkte für den Ein- und Ausstieg finden. Die meisten Kleinanleger steigen erst ein, wenn - so ein Bonmot - die "Bild-Zeitung" über eine Rally berichtet, eine Entwicklung also ihren Höhepunkt erreicht hat und institutionelle Anleger bereits an Rückzug denken.

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