Hoher Ölpreis stützt den Markt – Börsenkapitalisierung beträgt rund 170 Milliarden Dollar
Russische Börse steuert auf Rekordhoch zu

Igor Kostikow, Russlands oberster Börsenaufseher, zieht stolz Bilanz: „Unser Kapitalmarkt ist nicht mehr klein. Die Börse hat jetzt eine wirklich wichtige Wirkung auf die Wirtschaft. Sie ist vom Spielzeug zum echten Markt geworden.“

MOSKAU. Dabei geht es dem Aufsichtschef nicht einmal um den ungeahnten Aktienboom an der Moskauer Börse – der RTS-Index ist auf dem Weg zum bisherigen Allzeithoch von Ende 1997, also vor Beginn der Rubel-Krise. Kostikow sagt, Russland habe mit einer Marktkapitalisierung von rund 167 Mrd. $ nun die Börsen Osteuropas, der Türkei, aber auch Finnlands hinter sich gelassen. Gemessen am Börsenkapital im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) schließe Russland sogar zu Deutschland auf.

Seit Jahresbeginn legte Moskaus Aktienbörse um rund 45 % zu und stellte damit zum wiederholten Male die meisten anderen Handelsplätze der Welt in den Schatten. Dabei scheine der Boom keineswegs vorbei zu sein, meinen Moskauer Marktbeobachter.

„Bleibt der Ölpreis stabil, wird sich der russische Index bis 2010 versechsfachen“, sagt Kirill Tremasow, Chefanalyst der Bank Moskwa. Positiv gestimmt für Russland ist auch Jeffrey Dennis von der Citibank-Tochter Smith Barney: „Durch das deutlich transparentere Management (Corporate Governance) verringert sich der Abschlag für russische Aktien, den es bis heute gibt.“ Auch die beginnende Pensionsreform mit privater Altersvorsorge dürfte nach Meinung von Analysten einen Nachfrageboom an Moskaus Kapitalmarkt auslösen und das Bankgeschäft beleben.

Zudem ist es laut Kostikow gelungen, die Ölabhängigkeit der russischen Börse zu reduzieren: „Machten Ölaktien vor drei Jahren noch 90 % des RTS-Index aus, so sind es heute noch 68 %.“

Allerdings schränkt Alexej Kasakow, Analyst beim Brokerhaus Nikoil, ein, ist „der Markt noch immer eng und wenig liquide“. Bei den Top-Unternehmen sei die Zahl der frei handelbaren Aktien gering. Denn der Löwenanteil der Anteilsscheine des Gasriesen Gazprom, des Strommonopolisten UES und der Großbank Sberbank liegt entweder in Staatshänden oder in den Fällen der Ölriesen Yukos, Sibneft oder Surgutneftegas in den Händen des Managements.

Vorzugsaktien von UES zogen seit Jahresbeginn um gut 160 % an – in der Hoffnung auf Liberalisierung des Elektrizitätsmarktes. Auch Telekom-Aktien – wie die auch im Westen gehandelten Papiere der Mobilfunker MTS und Vimpel-Com sowie Golden Telecom – legten überdurchschnittlich zu. Auch der Stahlriese Sewerstal und der weltgrößte Palladium- und Nickel-Förderer GMK Norilsk Nickel gewannen deutlich an Wert.

Getragen wird der Aufschwung von hohen Ölpreisen, die wegen geringer strategischer Erdölreserven im Westen und der anhaltenden Probleme im Irak auch nicht schnell sinken dürften. Zudem boomt Russlands Konjunktur mit 7,2 % Wirtschaftswachstum im ersten Halbjahr. Sollten sich auch die Aussichten der Weltkonjunktur weiter aufhellen, komme dies russischen Exporteuren – wie den Öl- und Metallkonzernen – klar zu Gute, meinen Moskauer Analysten.

Schon jetzt, das belegen Unternehmenszahlen, ziehen die Gewinne russischer Firmen stark an. Zuletzt legte der größte Mobilfunker MTS für das zweite Quartal einen Rekordgewinn vor; Verfolger Vimpel-Com konnte indes bei der Zahl der Abonnenten deutlich zulegen.

Überschattet bleibt der russische Markt allerdings vom staatsanwaltschaftlichen Vorgehen gegen Yukos, dessen Ausgang vollkommen offen ist. Allerdings hat die russische Kartellbehörde kürzlich die Fusion von Yukos mit dem kleineren russischen Förderer Sibneft ebenso genehmigt wie die 50-Prozent-Beteiligung von BP an dem russischen Ölkonzern TNK.

Vor diesem Hintergrund haben die Analysten der Moskauer Aton-Investmentgruppe und der Alfa-Bank gerade ihre Kursziele für die Ölkonzerne Lukoil, Sibneft und Yukos hoch geschraubt. Lukoil bietet laut Alfa 40 % Aufwärtspotenzial. Yukos-Sibneft wird zudem mit der versprochenen Ausschüttung von 40 % der Gewinne einer der weltweit dividendenstärksten Titel. Dagegen setzte Brunswick UBS das Kursziel für Gazprom herunter, da der russische Staat die Gasexportsteuer drastisch angehoben habe, was sich auf den Gewinn des Monopolisten durchschlage.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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