Howard Marks
„Die größte Panik meines Lebens“

Die Wirtschaft steuert von einem Extrem ins Nächste. Vor Jahren war Geld billig und für jeden verfügbar, heute fehlt auch für sinnvolle Investitionen das Geld, moniert Howard Marks, Leiter von Oaktree Capital Management. Aber gerade, wenn die Stimmung am schlechtesten ist, ergeben sich Chancen. Dies allerdings eher bei Unternehmensanleihen als bei Aktien.

In den letzten Wochen habe ich an den Märkten die größte Panik meines Lebens gesehen. Ich habe viele Crash-Situationen erlebt, aber bisher keine, die mit dem Kollaps des Weltfinanzsystems in Verbindung gebracht wurde. Das war wirklich das Problem: Jedes auch noch so negative Szenario schien glaubwürdig. In einer Krise scheinen viele Dinge möglich zu sein, aber das heißt nicht, dass sie auch passieren. Nur machen die Menschen in Krisenzeiten diese Unterscheidung nicht mehr.

Die Märkte bewegen sich in Zyklen, von Optimismus zu Pessimismus, von Gier zu Furcht, von Risiko zu Risikoscheu. Vor Jahren herrschte die Angst, zu wenig Geld zu verdienen. Geld war billig und leicht verfügbar. Der Kreditzyklus startete, es war der größte, den ich je gesehen habe. Heute aber bekommt man noch nicht einmal Geld und damit Kredit für sinnvolle Investitionen. Gier, Optimismus, Risikobereitschaft sind verschwunden. Wir sind in einer Extremsituation.

Die Wirtschaft bewegt sich nur mit Kredit, das heißt mit Vertrauen. Wenn Menschen sich nicht vertrauen, geben sie kein Geld aus und die Wirtschaft leidet. Wir brauchen wieder Vertrauen. Psychologie ist extrem wichtig. Auf kurze Sicht ist sie sogar absolut entscheidend. Heute sieht die Lage schlecht aus. Aber wenn alle in dieser Einschätzung übereinstimmen, kann man beginnen, darüber nachzudenken, ob die Dinge nicht nur besser werden können. Vielleicht kann die Meinung über die Zukunft sich nicht weiter eintrüben, auch wenn die Faktenlage sich noch verschlechtern sollte.

Die Frage nach den aktuell am günstigsten bewerteten Märkten ist schwierig zu beantworten. Es ist auch eine andere Frage als die nach den Märkten, die ihren Tiefpunkten am nächsten sind. Die Märkte für Kreditpapiere sind unserer Meinung nach attraktiv. Jedes Unternehmen hat höchstes Interesse, sich an sein Zahlungsversprechen zu halten. Andernfalls geht es Bankrott. Bei Aktien sieht es anders aus. Sie bieten das, was nach Zahlung der Kreditverpflichtungen übrig bleibt. Im jetzigen Umfeld ist die Frage: Was ist vorzuziehen? Das Versprechen oder die Restgröße? Ich würde lieber die Anleihe besitzen.

Wenn es wahr ist, dass die Aktienkurse schon weit gefallen sind, dann könnten die Kurse von ihrem Boden aus ? wo immer der sein mag ? einen guten Aufschwung erleben. Aktien könnten Anleihen schlagen. Aber Anleihen sind mit zweistelligen Renditen die attraktivere und sicherere Alternative. Für Besitzer von Unternehmensanleihen ist die Rendite interessant, aber ohne die Unsicherheit von Aktien. Und wirkliche Aktienpessimisten vertreten ja die Meinung, dass die Papiere mit zweistelligen Kurs-Gewinn-Verhältnissen nicht wirklich billig sind.

In diesem Umfeld möchte man die am stärksten gestürzten Anleihen kaufen. Alle Nutznießer der Flucht in die Qualität kommen daher nicht in Frage. Vor einigen Jahren wurde die Risikobereitschaft beim Kauf von Unternehmensanleihen nicht honoriert, weil die Renditeaufschläge gegenüber Staatstiteln völlig abgeschmolzen waren. Damals war ein Kauf das eingegangene Risiko nicht wert. Heute ist es ganz anders: Es gibt zwar große Risiken, aber die Bereitschaft zum Risiko wird auch hoch belohnt. Das heißt noch nicht, dass man garantiert Geld verdienen wird. Aber die Chance besteht zumindest.

Es gab einen außerordentlichen Run auf sichere Anlagen, das heißt Staatsanleihen. Vor einigen Wochen hatten sie sogar für kurze Zeit negative Renditen. Da frage ich mich: Wenn hier augenscheinlich Sicherheit abgegolten wird, warum bekommen diese Käufer eine Rendite? Die Investoren drücken mit ihrer Nachfrage die Renditen, während die Regierung mit billigem Geld die Wirtschaft in Schwung bringen will. Das Problem ist: Die Regierung kann den Bürgern nicht aufzwingen, das Geld auch auszugeben. Auf Staatsanleihen fixierte Anleger werden mit Opportunitätskosten bestraft werden. Sie werden zwar kein Geld verlieren, aber bei der Kurswende nach oben nicht mitverdienen.

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