Im Gespräch mit: Investmentexperte Klaus Martini
„Peking geht behutsam vor“

Klaus Martini ist "Global Chief Investment Officer" der Deutschen Bank in Frankfurt. Mit dem Handelsblatt sprach der Investmentexperte über die Risiken des chinesischen Wirtschaftsbooms für Anleger und für China selbst.

Herr Martini, China gilt als „Land der Chancen“. Gibt es dort denn keine Risiken?

China ist wichtiger Handelspartner innerhalb und außerhalb Asiens und zudem Rohstoffnachfrager. Insofern wird die Welt insgesamt anfälliger für extreme Schwankungen des chinesischen Imports. Eine Abschwächung des dortigen Wirtschaftswachstums von zehn auf acht Prozent wird aber keine dramatische Auswirkung auf das globale Wirtschaftswachstum haben.

Wo liegen die größten Risiken für China selbst?

Chinas Volkswirtschaft ist weitgehend in die Weltwirtschaft integriert und entsprechend auch anfälliger für negative Entwicklungen im OECD-Raum. Intern ist die Überhitzung im Investitionssektor eines der größten Risiken. Zudem gilt es, den Spagat zu schaffen zwischen Öffnung und Liberalisierung dieser stark regulierten Wirtschaft einerseits und gleichzeitig zu verhindern, dass diese Maßnahmen zu Verwerfungen an den Märkten führen. Ebenso müssen die sozialen Probleme, die mit einer stark ungleichen Einkommensverteilung und regionalen Disparitäten verbunden sind, erkannt und behandelt werden. Beispiel hierfür sind die Maßnahmen im neuen Fünfjahresplan, in dem 20 Prozent der zusätzlichen Ausgaben in Bildung und Gesundheit der ländlichen Bevölkerung fließen sollen.

Wie groß ist die Gefahr einer Bankenkrise in China?

Die Regierung hat hohe Beträge aufgewendet, um Banken zu rekapitalisieren und umzustrukturieren. Diese Ausgaben belaufen sich laut Fitch Rating auf rund 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die starke Kreditausweitung birgt latente Risiken einer Fehlallokation, was zu einer erneuten Zunahme der notleidenden Kredite führen kann. Die Tatsache, dass der chinesische Bankensektor sehr stark reguliert ist, reduziert zumindest auf kurze Sicht das Entstehen größerer Eventrisiken.

Chinas Rentensystem ist reformbedürftig. Tickt hier eine Zeitbombe?

Neben der Finanzierbarkeit des bestehenden Rentensystems ist ein Problem, dass es nur einen Teil der städtischen Arbeiter erfasst und die Landbevölkerung weitgehend ausgeschlossen ist. Insgesamt sind landesweit nur gut 20 Prozent der Bevölkerung im Rentensystem erfasst. Chinas Regierung kennt dieses Problem und arbeitet seit einiger Zeit an einer schrittweisen Lösung durch den Aufbau von Wertpapiermärkten.

Bekommt China Probleme, seine wachsende Bevölkerung ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen?

Die schnelle Urbanisierung, der Verlust an Ackerland und der Wassermangel sind Hauptursachen des Problems. Zur Deckung des Bedarfs an Agrarprodukten steigert China seine Importe aus Afrika und Lateinamerika. Auswirkungen auf die Weltwirtschaft sind sichtbar: Eine strukturell höhere Nachfrage und entsprechend hohe Preise für viele Agrargüter.

Ist sich China seiner Verantwortung für die Weltwirtschaft bewusst?

Ich bin davon überzeugt, dass sich die chinesische Regierung sehr wohl ihrer neuen Verantwortung in der Weltwirtschaft bewusst ist. Die Wirtschaftspolitik ist insgesamt sehr behutsam auf die Vermeidung größerer Schocks und drastischer Anpassungen in der chinesischen Wirtschaft ausgerichtet: graduelle Wechselkursliberalisierung, behutsames Anziehen der Geldpolitik zur Vermeidung einer Überhitzung, schrittweise Öffnung des Finanzsektors.

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