Im Gespräch mit: Stephen Roach
„Die Ruhe ist trügerisch“

Stephen Roach ist Chefvolkswirt von Morgan Stanley. Mit dem Handelsblatt sprach der Finanzexperte über Risiken auf dem Kapitalmarkt und warnt vor Protektionismus.

Herr Roach, der IWF bestätigt dem globalen Finanzsystem „anhaltende Robustheit“. Ist alles eitel Sonnenschein?

Es ist kaum der richtige Zeitpunkt für Selbstgefälligkeit, wenn das US-Leistungsbilanzdefizit Mitte 2006 noch 6,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betrug und die Renditeunterschiede zwischen riskanten Anlagen wie Unternehmensanleihen und risikolosen Aktiva wie Staatsanleihen historische Tiefstände markieren. Die Widerstandsfähigkeit des globalen Finanzsystems haben die übermäßig expansiven Zentralbanken finanziert. Wenn sie jetzt versuchen, ihre Geldpolitik zu normalisieren, wird die überschüssige Liquidität entzogen. Für die globalen Finanzmärkte und die Weltwirtschaft ist das eine schwierige Situation. Eine Wende im globalen Liquiditätszyklus ist genau der Moment, in dem wir uns die größten Sorgen machen sollten.

Schätzen die Marktteilnehmer die Risiken an den Finanzmärkten richtig ein?

Während die demographische Uhr bei sinkenden Renditen traditioneller Investitionen immer lauter tickt, führen ungedeckte Pensionsverpflichtungen zu einem enormen Ungleichgewicht zwischen Aktiva und Verbindlichkeiten. Daher lehnen sich renditehungrige Anleger immer weiter aus der Risiko-Kurve: Sie investieren verstärkt in höher rentierliche Werte wie Rohstoffe, Schwellenländer und „Junk-Bonds“. In einigen Segmenten dieser traditionell riskanteren Anlagekategorien haben sich die Fundamentaldaten zweifellos verbessert. Aber ich befürchte, dass Investoren in ihrer Einschätzung der Risiken nicht genügend differenzieren.

Was ist das größte Risiko für das globale Finanzsystem?

Das bei weitem größte Risiko ist das immer lautere Trommeln für Protektionismus. Europa erfährt zunehmend wirtschaftlichen Nationalismus, und in Washington ist es an der Tagesordnung, China zu kritisieren. Seit Anfang 2005 wurden im US-Kongress 27 Anträge für Handelssanktionen gegenüber China eingebracht. Sollte einer davon umgesetzt werden – in einer politisch aufgeheizten Atmosphäre, die ihren Ursprung in lange nahezu stagnierenden Reallöhnen hat, eine Ernst zu nehmende Möglichkeit – könnte China leicht seinen Appetit auf Dollar-denominierte Wertpapiere drosseln. Daraus ergäbe sich ein akutes, ernsthaftes Problem für die Finanzierung des US-Leistungsbilanzdefizits. Der Dollar könnte abstürzen, die US-Realzinsen könnten in die Höhe schnellen – Entwicklungen, die die US-Wirtschaft und die Weltwirtschaft schnell in eine Rezession stürzen könnten.

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