Im Gespräch mit: UBS-Chefökonom Klaus Wellershoff
„Politisch brisant“

Klaus Wellershoff ist Chefökonom bei UBS Wealth Management in Zürich. Mit dem Handelsblatt sprach er über die Risiken der demographischen Entwicklung für die Finanzmärkte.

Herr Wellershoff, Sie sind mitverantwortlich für rund 1 300 Mrd. Euro an Kundengeldern der UBS. Inwieweit beschäftigt Sie das Thema Alterung?

Die Effekte sind weniger eindeutig als es zunächst scheint. Ein Beispiel: Wenn die Erwerbsbevölkerung nicht mehr wächst, sollte auch das Wirtschaftswachstum nicht mehr zunehmen. Doch das Arbeitsvolumen hängt auch von der Arbeitszeit ab. In Deutschland zum Beispiel gibt es erste Anzeichen für eine denkbare Wende zu mehr Arbeit, wie die jüngsten Tarifverhandlungen gezeigt haben.

Was halten Sie von der These eines demographisch bedingten Aufblähens und folgenden Abschwunges an den Börsen?

Das befremdet mich. Die Idee ist: Wenn die ältere Generation ihren Ansparprozess beendet hat und mit Eintritt ins Rentenalter ihre Finanzaktiva verkauft, werden die Börsen zusammenbrechen. Aber wir haben keine abgeschotteten Märkte. Auch in den Schwellenländern wird gespart und entspart. Schon heute spüren wir stärkeres Interesse unserer Kunden für Anlagen in den Emerging Markets.

Wo liegen die Risiken der demographischen Entwicklung?

Man kann nicht ausschließen, dass das Wachstum in den Industrieländern sinkt – bis hin zur Stagnation. Dann sind Fragen der Einkommensverteilung berührt. Insbesondere in demokratischen Systemen wie unseren bekommen wir eine Umverteilung von den Jüngeren zu den Älteren und von den Verdienern zu den Nicht-Verdienern.

Sind diese Folgen abschätzbar?

Wir haben ausgerechnet, dass Deutschland beispielsweise in den nächsten zwei Jahrzehnten zusätzliche Transferleistungen der Jüngeren an die Älteren in Höhe von acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes erbringen muss. Das ist nur ein Szenario, illustriert aber die Brisanz. Die Folge wäre eine dramatisch steigende Staatsquote, die erheblichen sozialen Sprengstoff bergen würde. Dann müsste man in weniger gefestigten Ländern mit politischen Verwerfungen rechnen.

Und die Lage in anderen Industrieländern?

Die Bilder gleichen sich oft. In Japan sind die Voraussetzungen sogar noch schlechter. Dort kommen wir auf elf Prozent des Bruttoinlandsproduktes an zusätzlichen Transferleistungen. Eines ist sicher: Die demokratische Entwicklung in den Industrieländern wird unter diesen Vorzeichen schwieriger. Bei großen Verteilungskämpfen polarisiert sich die Gesellschaft, radikale politische Strömungen gewinnen an Gewicht. Das wäre ein schlechtes Signal für eine liberale Wirtschaftspolitik.

Gibt es noch andere Risiken?

Es fließt immer mehr Geld ins Ausland. Das ist doppelt wichtig, weil – im Einklang mit dem allgemeinen Trend zur internationalen Streuung von Anlagen – auch wachsende Teile der Vorsorgegelder über die Grenzen gehen, parallel dazu die Unternehmen in steigendem Maße im Ausland investieren. Hier geht es um die Gewährleistung von Eigentumsrechten und des Durchsetzungsrechts. Für den Erfolg beispielsweise von VW in China ist entscheidend, ob der Konzern auch noch in 25 Jahren über seine Fabrik verfügt. Um solche Zeitdimensionen geht es sowohl bei Investitions- als auch Vorsorgefragen. An dieses Risiko haben wir uns abgewöhnt zu denken.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%