Im Sog der Bankenkrise
Börsencrash beim Morgentee

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten spüren Menschen aus aller Welt. Für manche ist die gesamte Altersvorsorge dahin, andere profitieren von den Kursabstürzen. Wie Menschen von Peking bis Mailand die Krise erleben.

PEKING. Heute hat sie wieder den blauen Strickpulli an. Und die beigen Gesundheitspuschen, mit denen sie über den Fußboden ihrer Wohnung schlurft. "Ist schon herbstlich kühl", sagt Jumei Tang und schließt das Fenster. Dann setzt sich die Pekinger Rentnerin wie jeden Morgen an ihren Computer. Vielleicht gibt es ja mal wieder gute Börsennachrichten.

"Geht so", seufzt die Chinesin, als die Seite sich öffnet, und schlurft rüber in die warme Küche, wo bereits ihr Mann frühstückt. Der Leitindex in Schanghai, Chinas Hauptbörse, ist weiter im Sinkflug. Selbst die wichtige Marke von 2 000 Punkten ist schon durchbrochen. Nach unten natürlich. 1 979,11 meldet der Bildschirm.

Vor einem Jahr - am 16. Oktober 2007 - hatte der Börsenindex mit fast 6 100 Punkten noch den Höchststand gefeiert. "Das waren Zeiten", schüttelt Oma Tang die kurzen, schwarzen Locken. In den vergangenen zwei Jahren habe sie mit ihren Anlagen ganz gut verdient, sagt die füllige Rentnerin. "Aber jetzt bin ich pessimistisch, die ganze Weltwirtschaft geht doch den Bach runter." Sie glaube keiner Prognose mehr.

Seit fast sieben Jahren hat die Rentnerin wie Millionen anderer chinesischer Kleinanleger ihr Erspartes an der Börse investiert. Insgesamt waren es umgerechnet 3 000 Euro in Aktien und 10 000 Euro in Fonds. In einem Land ohne Renten- und Sozialsystem ist das für die meisten Menschen ein kleines Vermögen.

"Mit den Anlagen wollten wir die Rente aufbessern", lautete die simple Aktienstrategie von Frau Tang. Ihre Staatsrente beträgt schließlich nur 1 600 Yuan im Monat - 160 Euro. Und während die Kurse in Schanghai fallen, steigen die Preise in Peking. Doch der Traum vom sorglosen Lebensabend ist jetzt erstmal geplatzt.

Besonders wurmt die ehemalige Buchhalterin, die ihr Leben lang in einem Staatsladen für Mopeds die Finanzen ordnete, dass sie über ein Pekinger Brokerhaus 5 000 Dollar in einen Lehman-Fonds investiert hat. "Das Geld sehe ich nicht wieder, und meine Aktien sind auch nichts mehr wert", sagt die 59-Jährige und schenkt Tee nach. "Ich bin todunglücklich."

Damals hätten ihr alle zum Kauf der angeblich sicheren Anlage geraten. "Ich habe davon ja eigentlich keine Ahnung", sagt die Chinesin, die 1949 in Mao?s Volksrepublik geboren und unter Kommunismus und Planwirtschaft aufgewachsen ist.

Was also tun, Frau Tang? Protestbriefe hat sie nicht geschrieben. Und auf die Straße gehen - wie es Anleger in Hongkong momentan tun - würde sie nicht. "Mir sitzt der Schreck noch zu tief in den Knochen", sagt sie. So wie das Rheuma, dass immer im Herbst kommt

."Was kann ich schon tun? Warten." Ihre Ersparnisse will sie aber künftig nicht mehr an der Börse anlegen, das steht für die Pekingerin fest. "Für uns Rentner ist das Risiko einfach zu groß", sagt sie und schlurft mit ihrer Tasse zur Spüle. "Ich kümmere mich lieber um den Haushalt." Der Laptop schaltet sie heute nicht mehr an. Morgen vielleicht. Zum Börsentee.

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