Indische Wirtschaft feiert Erfolge
Indien lockt mit hohen Wachstumsraten

Die Aktienkurse sind nach dem Machtwechsel gefallen und schwanken stark. Investoren brauchen in Indien einen langen Atem.

NEU DELHI/DÜSSELDORF. „Kein Grund zur Panik“, fasst die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs ihre Einschätzung zur Lage an Indiens Börsen nach der Parlamentswahl zusammen. Die Entwarnung hat ihren Grund. Denn die Märkte waren von dem unerwarteten Regierungswechsel geschockt und reagierten mit hohen Kursverlusten. Inzwischen haben sie sich aber gefangen. Der neue Ministerpräsident Manmohan Singh genießt hohes Ansehen als Architekt des Reformprozesses, der das Land Anfang der 90er-Jahre der Marktwirtschaft und der Globalisierung öffnete. Und die Besetzung von Schlüsselressorts wie Finanzen, Wirtschaft oder Technologie und Telekom mit glaubwürdigen Liberalisierern quittierten die Börsen mit starken Kurssprüngen.

„Investoren machen ein größeres Problem aus der Wahl als gerechtfertigt“, meint Robert Kalin, Manager des Indienfonds der DWS Investment GmbH. Für ihn haben die Anleger beim Crash der vergangenen Woche überreagiert. Kalin ist zuversichtlich, dass das starke Wachstum der indischen Volkswirtschaft anhalten wird. Angesichts der Unsicherheit über die neue Regierung rechnet er kurzfristig aber noch mit starken Kursschwankungen. Für Goldman Sachs sind die Kursturbulenzen auch auf die weltweit gedrückte Stimmung an den Aktienmärkten zurückzuführen.

Grundsätzlich sehen viele Analysten indische Aktien weiter positiv. Das Reformtempo werde sich zwar verlangsamen, doch die Richtung bleibe unverändert, heißt es in der jüngsten Länder-Analyse von Goldman Sachs. Diese Einschätzung ist Marktkonsens. Doch unterschwellige Sorgen über das Tempo und die Stoßrichtung der Reformen wollen nicht ganz verschwinden. Das liegt vor allem an den Kommunisten, auf die die siegreiche Kongresspartei beim Regieren angewiesen ist.

Analysten einiger Großbanken überdenken deshalb ihre einst rosigen Prognosen. „Die Risikoprämie für indische Aktien ist gestiegen, und die Bewertungen rechtfertigen keine Übergewichtung mehr“, begründet Merrill Lynchs Asienstratege Spencer White die Zurückstufung des Landes auf „Marktgewicht“. Nach einem Kurssprung von 118 Prozent im Vorjahr haben Indiens Börsen seit Januar 15 Prozent verloren. White befürchtet weitere Rückschläge, bis der Kurs der Wirtschaftspolitik klar ist. „Der Reformkurs in den kommenden Monaten ist sehr unsicher“, warnt er. Das findet auch Eddie Wong von ABN Amro, den auch die „historisch hohen Bewertungen“ indischer Aktien stören. Die große wirtschaftliche Story eines aufstrebenden Indiens, die in jüngster Zeit viele internationale Anleger überzeugt hatte, ist für den Skeptiker zumindest vorerst zu Ende. Wong befürchtet, dass sich die neue Regierung die Gunst von Hunderten Millionen Armen und Bauern mit noch mehr Subventionen erkauft. Das würde das gesamtstaatliche Defizit von rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung weiter aufblähen und die Wachstumsdynamik gefährden.

Wegen des Wahlausgangs hat die Citibank ihre Wachstumsprognose für 2004 von sieben auf 6,6 Prozent zurückgenommen. Der Asiatischen Entwicklungsbank zufolge soll die Wirtschaft aber auch 2004 und 2005 um über sieben Prozent zulegen, nach über acht Prozent im abgelaufenen Haushaltsjahr. Goldman Sachs sieht in Indien langfristig sogar mehr Wachstumspotenzial als in China. Die Verunsicherung der Märkte stellt für die Bank deshalb „eine Kaufgelegenheit dar“. Der Leitindex der Börse in Bombay werde 2004 zwischen 5 100 bis 6 200 Punkten schwanken. Derzeit rangieren die Notierungen am unteren Ende der Spanne.

DWS-Experte Kalin hält – abhängig vom Gewinnwachstum der Unternehmen – ein Kurspotenzial von zehn bis 15 Prozent für möglich. Privaten Anlegern gibt er aber zu bedenken, dass trotz der „guten Story“ bei Investments ein langer Atem erforderlich sei. Zudem müssten nach wie vor politische Risiken, etwa der Dauerkonflikt mit Pakistan, im Auge behalten werden.

Asienstratege White beunruhigt, dass die meisten Fondsmanager Indien weiter übergewichten. „Politische Enttäuschungen könnten den bislang moderaten Abverkauf beschleunigen“, warnt er. Im Mai haben Auslandsanleger zwar 700 Millionen Dollar aus Indien abgezogen. Seit Januar sind aber netto 3,4 Milliarden Dollar ins Land geflossen. Der internationale Privatbankenverband sieht Indien als das Schwellenland, das 2004 neben China das meiste Anlagekapital anzieht.

Interessant machen indische Aktien vor allem sprudelnde Unternehmensgewinne, die massenhafte Verlagerung von Informationstechnik- Dienstleistungen nach Indien, stetig steigende Konsumausgaben und die Exporterfolge von Auto- und Pharmafirmen.

Neuerdings rücken Branchen stärker ins Blickfeld, die vor politischen Überraschungen gefeit sind. Trotz des Risikos fallender Margen gewichten HSBC, Citibank und Merrill Lynch den Softwaresektor jetzt deutlich höher als zuvor. Er verdient sein Geld im Ausland. Steigende Exporterlöse machen auch Pharmawerte interessant. Branchen, die wegen erwarteter Privatisierungen Kursgewinne verzeichnet hatten – wie Öl oder Banken – haben indes ihren Glanz verloren: Der bisher aggressiv voran getriebene Verkauf von Staatskonzernen wurde von der neuen Regierung gestoppt.

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