Interview mit Anlageexperte Harald Preißler: 30 bis 40 Prozent Aktienquote

Interview mit Anlageexperte Harald Preißler
„Das Störfeuer kommt, aber eben kein Flächenbrand“

  • 1

30 bis 40 Prozent Aktienquote

Den deutschen Sparer interessiert vor allem eines: Wann werden wir wieder Zinsen sehen?
Das dauert. In unserem Basisszenario rechnen wir damit, dass frühestens Ende 2018 eine erste Zinserhöhung kommen könnte.

Aber wahrscheinlich auch nur ein kleines „Schrittchen“, wie in den USA…
Genau, da reden wir wahrscheinlich von zehn Basispunkten, also von minus 0,40 auf minus 0,30 Prozent. Bis wir die Nulllinie wieder überschritten haben, wird es wahrscheinlich bis spät ins Jahr 2019 dauern. Wenn wir Konjunkturschwankungen einkalkulieren, dann kann es sogar bis 2020 dauern.

Die Nullzinsphase dauert also noch ein paar Jahre an. Könnte das Rückenwind für die deutsche Aktienkultur sein?
Davon gehe ich aus. Man darf nicht vergessen, dass in den kommenden Jahren sehr viel Geld vererbt wird. Die Erbengeneration, die vor einem Wiederanlage-Problem steht, hat ein anderes Anlageprofil als ihre Eltern oder Großeltern. Das ist sozusagen ein biologischer Faktor, der der Aktienkultur und den Aktienmärkten hilft. Und das Zinsniveau tut sein Übriges. Zudem horten viele Menschen hohe Bargeldbestände und warten auf die Korrektur für den Wiedereinstieg. Das ist ein weiterer Faktor, der mich dazu bringt, für die nächsten zwölf bis 18 Monate keinen Crash zu sehen.

Was empfehlen Sie sehr konservativen Anlegern, dem deutschen Sparer? Auch wenn das pauschal nur schwer zu beantworten ist…
Ein konservativer Mischfonds als Maßstab hat eine Aktienquote von 30 bis 40 Prozent. Das passt zu einem normalen Anleger. Damit kommt man auf ein Risiko von etwa zehn bis fünfzehn Prozent, gemessen am Maximum Drawdown, also dem maximalen Vermögensverlust, den man tolerieren muss. Man läuft also nicht Gefahr, plötzlich ein Viertel oder gar die Hälfte seines Vermögens zu verlieren, nur weil die Börsen stark schwanken. Wenn wir diese Aktienquote zugrunde legen, dann ist mit dem Ausblick auf das zweite Halbjahr nicht die Zeit, um Aktienquoten zu erhöhen. Jetzt ist eher die Zeit, um Gewinne mitzunehmen und die Aktienquote zu reduzieren, sie auf ein neutrales Niveau von 15 bis 20 Prozent zu halbieren und erst nach einem größeren Rücksetzer wieder zu erhöhen.

Für einen Privatanleger ist es aber psychologisch nicht so einfach, eine solche Strategie umzusetzen. Sie müssten verkaufen, wenn es super läuft, und kaufen, wenn es nicht mehr läuft.
Das funktioniert ohnehin nur dann, wenn man bereit ist – und jetzt wird es unangenehm – auch auf der Zinsseite entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Sie brauchen natürlich in einem Umfeld, wie wir es für das zweite Halbjahr erwarten, auch Bundesanleihen.

Da ist die Rendite aber doch minimal, bei kurzen Laufzeiten sogar negativ.
Langlaufende Bundesanleihen tragen aber über den Kurseffekt zu einer Risikominimierung im Depot bei. An dieser Wirkung, also Kursgewinne als Reaktion auf eine schwächere Konjunkturdynamik, hat sich auch in Zeiten ultraexpansiver Geldpolitik nichts geändert. Im Gegenteil. Die Ausschläge werden sogar eher größer, weil die EZB permanent Bundesanleihen kauft. Wenn dann auch noch die Profianleger und Privatanleger in Bundesanleihen investieren, sollte man eher am Anfang dabei sein, vor den zu erwartenden kräftigen Kursanstiegen. Das dämpft das Portfoliorisiko und verleiht eine gewisse Ruhe, um die Kursrückgänge am Aktienmarkt besser zu ertragen.

Das ist natürlich ein sehr aktives Portfolio-Management, das ohne professionelle Hilfe kaum funktioniert. Aber was ist denn mit „Buy and Hold“? Kann ich die Turbulenzen als langfristig orientierter Anleger nicht einfach aussitzen – Augen zu und durch?
Wenn Sie Ihre Anlage sehr langfristig sehen: definitiv. Es hängt natürlich davon ab, wie hoch Ihre Aktienquote ist und ob Sie größere Rücksetzer wirklich aushalten können. Und zwar ohne dass ihre mittlere Lebensplanung aus den Fugen gerät. Dann spricht nichts gegen „Augen zu und durch“. Wenn sie aber mithilfe aktiver Anlagestrategien ein paar Prozentpunkte mehr an Performance erzielen wollen, dann sind sie gezwungen, ab und an die Risiken zu erhöhen – und anschließend auch wieder zu reduzieren. Das ist wie im Straßenverkehr. Sie können einfach auf der mittleren Spur durchfahren oder Sie versuchen, sich rechts und links nach vorne durchzudrängeln.

Herr Preißler, vielen Dank für das Interview.

Jessica Schwarzer
Jessica Schwarzer
Handelsblatt / Chefkorrespondentin Börse

Kommentare zu " Interview mit Anlageexperte Harald Preißler: „Das Störfeuer kommt, aber eben kein Flächenbrand“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Der Artikel bietet sehr viele gute und vernünftige Überlegungen und Einschätzungen. Eigentlich müßte man Beifall spenden und ich spende ihn auch.

    Aber leider gibt es auch ein Manko. Es fehlen die Worte "könnte", "vielleicht" und "möglicherweise". Die Darstellung ist somit apodiktisch und suggeriert, Herr Preißler würde die Zukunft ziemlich genau kennen. Warum sagt Herr Preißler nicht, dass er lediglich seine Visionen präsentiert und dass die Zukunft natürlich niemand kennt?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%