Interview mit Anlageexperte Harald Preißler
„Das Störfeuer kommt, aber eben kein Flächenbrand“

  • 1

Unsicherheitsfaktor Geldpolitik

Und wenn nicht?
Erst dann, wenn die Konjunktur nachhaltig nach unten dreht, haben wir größere Probleme, dann könnte aus einer Korrektur in der Tat ein Crash erwachsen. Ich gehe davon aus, dass sich die US-Konjunktur in den kommenden sechs bis zwölf Monaten unspektakulär entwickeln wird. Gerade deswegen kann ich mir keinen Einbruch am Aktienmarkt vorstellen.

Die Konjunktur läuft, und die nächste Zinserhöhung in den USA steht an. Nimmt die Zinswende nun Fahrt auf?
Nein, das Straffungstempo bleibt weit hinter allen früheren Zyklen zurück. Da wir weder ein übertrieben hohes Wachstum haben noch ein besorgniserregendes Inflationsumfeld, kann die Fed den Normalisierungsprozess gemächlich fortsetzen. Nach der Erhöhung im Juni gibt es daher wahrscheinlich im September einen weiteren Zinsschritt.

Und wie schaut es mit der Notenbank-Bilanz aus? Die ist aufgrund der Anleihekäufe noch immer extrem aufgebläht.
Das stimmt, noch legt die Fed das Geld aus freiwerdenden Anleihen gleich wieder an, das sind rund 20 Milliarden Dollar jeden Monat – ein kleines QE-Programm. Wir rechnen damit, dass die US-Notenbank in den nächsten Monat den Modus für diesen Ausstieg präzisiert. Das wird nicht von 100 auf null runtergehen, sondern ebenfalls langsam vollzogen – wahrscheinlich ab 2018. An den Märkten wird das aber vermutlich keine größeren unmittelbaren Auswirkungen haben.

Es droht also kein Ungemach aus den USA?
Vorausgesetzt uns bleibt tatsächlich ein Zinsschock erspart. Die Produktivität der Unternehmen zieht endlich wieder an, die Gewinndynamik legt zu, das stützt die Investitionen und den Arbeitsmarkt. Deswegen bin ich auch optimistisch, dass wir die zyklischen Höchststände an den US-Aktienmärkten noch nicht gesehen haben.

Schauen wir nach Europa. Auch hier läuft es gut, aber wenn wir auf die Euro-Zone schauen, läuft es eben nicht überall gleich gut… Droht ein Störfeuer für die Börsen-Rally?
Das Störfeuer kommt, aber eben kein Flächenbrand. Auch hier würde ich nicht einzelne Branchen oder Länder hervorheben, sondern eher von einer breit angelegten Abkühlung ausgehen. Wenn Sie sich die konjunkturellen Frühindikatoren anschauen – Einkaufmanagerindizes oder Geschäftsklimaindizes beispielsweise - , die alle hochgradig mit den Börsen korrelieren, sehen wir überall langjährige Höchststände. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Indikatoren von diesem Niveau aus weiter steigen. Dafür bräuchte es noch mehr Optimismus, der dann für frischen Schub sorgt. Der glimpfliche Wahlausgang in Frankreich war so ein Ereignis, das an den Börsen auch entsprechend gefeiert wurde. Neue Impulsgeber sehe ich aber nicht. Hinzu kommt, dass die Euro-Aufwertung der vergangenen Monate das Exportgeschäft erschwert und gleichzeitig das Wachstum in China an Schwung verliert. Alles in allem spricht das für einen konjunkturellen Durchhänger und daran anknüpfend ein erhöhtes Rückschlagsrisiko für die europäischen Börsen.

Wir müssen also spätestens im vierten Quartal mit einem Rücksetzer rechnen?
Wahrscheinlich sogar schon im dritten Quartal. Die Märkte werden den Sommer über brauchen, um zu erkennen, dass die Phase endet, in der wir mit immer besser werdenden Konjunkturnachrichten verwöhnt wurden. Wenn der Nachschub an positiven Nachrichten versiegt, dann nimmt die Ungeduld zu, die Anleger werden nervöser, und es kommt häufiger zu Gewinnmitnahmen. Und das wird dazu führen, dass wir schon im dritten Quartal sehr viel holprigere Börsen sehen. Ob der prognostizierte Rückgang der Aktienkurse schon im dritten Quartal mit voller Wucht zuschlägt oder erst im vierten, das bleibt abzuwarten. Aber die Prognose steht, es wird ruppiger werden.

Schwächere Konjunkturdaten und eine ruppigere Börse – wie wird die Europäische Zentralbank darauf reagieren?
Das hängt davon ab, was genau mit dem Makroumfeld passiert. Wenn wir eine Konsolidierung der Konjunktur und an den Märkten sehen, wird die EZB möglichst wenig über ein Ende der Anleihekäufe im kommenden Jahr sprechen. Denn das würde zusätzlich für Verunsicherung sorgen. Wenn aber echte Konjunktursorgen aufkommen und das Wachstum in der Euro-Zone wieder Richtung Nulllinie geht, dann wird das Signal kommen, dass die Anleihekäufe im kommenden Jahr weitergehen. Das Tapering dürfte dann auf das zweite Halbjahr 2018 verschoben werden oder sogar gleich auf 2019. Im Extremfall könnten die Anleihekäufe sogar noch einmal aufgestockt werden.

Kommentare zu " Interview mit Anlageexperte Harald Preißler: „Das Störfeuer kommt, aber eben kein Flächenbrand“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Der Artikel bietet sehr viele gute und vernünftige Überlegungen und Einschätzungen. Eigentlich müßte man Beifall spenden und ich spende ihn auch.

    Aber leider gibt es auch ein Manko. Es fehlen die Worte "könnte", "vielleicht" und "möglicherweise". Die Darstellung ist somit apodiktisch und suggeriert, Herr Preißler würde die Zukunft ziemlich genau kennen. Warum sagt Herr Preißler nicht, dass er lediglich seine Visionen präsentiert und dass die Zukunft natürlich niemand kennt?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%