Interview mit Ascan Iredi
„Viele haben die Lehman-Pleite unterschätzt“

Ein Jahr nach der Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers haben die Börsen den Erholungskurs eingeschlagen. In Sicherheit sollten sich Anleger aber nicht wiegen, rät Ascan Iredi. Im Gespräch mit Handelsblatt.com wirft er einen Blick zurück auf die vergangenen turbulenten Monate und erklärt, warum 2010 ein schlechtes Jahr für Aktien werden dürfte.

Herr Iredi, erinnern Sie sich noch an den 15. September 2008?

Natürlich, der Tag war dramatisch. Wobei sich die Situation erst in den Folgetagen richtig zugespitzt hat. Es brauchte eine Zeit, bis sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass mit Lehman Brothers nicht nur eine einzelne Bank pleite gegangen war, sondern das gesamte System auf der Kippe stand.

Wurde die Situation an der Börse unterschätzt?

In weiten Teilen zunächst sicherlich schon. Das ist aber auch nicht verwunderlich: Börsianer sind schließlich auch Individuen, die neue Informationen erst einmal verarbeiten müssen. Die alte Regel, nach der an der der Börse die Zukunft gehandelt wird, gilt in Krisenzeiten nur eingeschränkt. Das konnte man auch später wieder sehen: Bankaktien etwa haben ihren Tiefpunkt erst erreicht, als sich die Lage bei den Instituten schon wieder leicht gebessert hatte.

Wie haben Sie im Handel die extremen Schwankungen der vergangenen Monate erlebt?

Hier muss man differenzieren: Auf der einen Seite hilft eine hohe Volatilität dem Handel, da sich reichlich Gewinnchancen ergeben. Immerhin hat es in den sechs Monaten nach Lehman, in denen die Kurse in den Keller gingen, auch reichlich Tage mit extremen Ausschlägen nach oben gegeben. Andererseits fließen in volatilen Märkten tendenziell Gelder ab. Langfristig orientierte Investoren, also vor allem große institutionelle Kapitalsammelstellen und Privatanleger, werden von einer hohen Volatilität abgeschreckt und ziehen sich aus dem Markt zurück. Wer große Summen bewegt und wie etwa die Versicherer Garantiezinsen leisten muss, geht bei starken Schwankungen entweder ein hohes Risiko ein oder er muss seine Anlagen mit einem hohen Anteil Eigenkapital hinterlegen, was die Kosten in die Höhe treibt.

Sind diese Investoren inzwischen zurückgekehrt?

Die Privatanleger waren nie ganz weg. Viele von ihnen haben aber erst spät ihr Engagement reduziert und zögern jetzt auch länger. Die Institutionellen sind dagegen häufig wieder im Markt. Sie haben auch keine andere Wahl. Bei steigenden Kursen wächst der Druck einzusteigen, weil sonst Renditechancen ausgelassen werden. Je weiter die Aufwärtsbewegung führt, desto größer wird der Druck. Man kann davon ausgehen, dass viele Institutionelle den ersten Teil der Erholungsbewegung nicht mitbekommen haben. Spätestens als der Dax den Bereich um 4 900 Punkte zurückerobert hat, von dem aus er ins Jahr gestartet war, sind viele Investoren aber zumindest partiell wieder eingestiegen.

Wird sich der Prozess fortsetzen und die Börsen weiter antreiben?

Ich fürchte nein. Insgesamt ist die Kaufbereitschaft nach wie vor erschreckend niedrig. Ich habe noch nie erlebt, dass so viele Leute an der Börse nichts tun. Der Dax spiegelt das auch wider: Den Sprung über 5 000 Punkte hat er noch recht leicht geschafft, inzwischen tritt der Index aber auf der Stelle. Die Handelsvolumina sind zu gering, es fehlen die Anschlusskäufe.

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