Interview mit George Friedman: „Großbritannien ist für Deutschland ein Vorbild“

Interview mit George Friedman
„Großbritannien ist für Deutschland ein Vorbild“

Die Idee von einem Europa als Nationen-Staat ist tot, sagt George Friedman, Leiter des Analysezentrums für geopolitische Fragen in Austin, Texas. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt er, wieso Deutschlands neue Rolle gefährlich für die Peripherie-Staaten ist und weshalb US-Aktien aus politischer Sicht extrem preiswert sind.
  • 2

Herr Friedman, wie geht es weiter mit der Krise?

Die USA kommen wirtschaftlich am besten aus der Finanzkrise heraus. Die Inflation ist relativ gering. Am größten sind die Probleme in Europa. Dort bekommen nationalistische Tendenzen große Unterstützung. Der wichtigste Punkt hier ist: Deutschland stellt seine bisherige Position in Frage. Dazu muss man sich klarmachen, dass die Europäische Union als Verwalter eines Wohlstands geschaffen wurde. Doch die Krise hat gezeigt, dass die EZB keine Kontrolle über die nationalen Budgets hat. Damit ist die ganze Idee, Europa könne zu einem ein Superstaat werden, in Asche gelegt. Deutschland steht als stärkstes Land in Europa da. Es will nicht für die Schulden der EU-Problemländer zahlen und auch keinen politischen Schulterschluss mit Südeuropa machen. Und während Deutschland auf Distanz geht, reicht es gleichzeitig Russland die Hand, hat Interesse an seinen Rohstoffen und Einwanderern von dort. Ich rechne mit einer stärkeren russisch-deutschen Partnerschaft.

Das heißt in Kürze?

Die Vision von vor zehn Jahren eines Europas als Nationen-Staat ist tot, niemand will für diese Union kämpfen. Europa ist deshalb aus globaler Sicht keine politische Kraft mehr. Jetzt müssen alle europäischen Staaten geopolitische Entscheidungen treffen. Sie werden außerhalb der Eurozone suchen. Auch für die Deutschen ist dann Großbritannien ein Vorbild. Die Briten haben sich schon immer so verhalten. Diese unterschwelligen Vorlieben sind rund zwei Jahrzehnte vom Wachstum verdeckt worden. In diesem Zuge werden wir auch ein langsames Comeback nationaler Tendenzen erleben.

Welche spannenden Fragen sehen Sie noch in Europa?

Mit einer deutsch-russischen Annäherung werden die Sorgen der Polen wachsen, zwischen beiden Ländern gefangen zu sein. Außerdem werden die Türken vielleicht nicht länger so hartnäckig auf einen EU-Beitritt drängen. Ihre Wirtschaft wächst schließlich mit sechs Prozent oder mehr. Sowohl Polen als auch die Türkei gewinnen an Stärke, Polen wegen der besonderen Beziehungen zu den USA. Per saldo stellen sich viele Fragen, etwa wie sich diese Dynamik in Europa entwickelt und wie die USA darauf reagieren werden. Die Deutschen haben ohnehin ein zwiespältiges Verhältnis zur Nato, was natürlich auch für die USA gilt.

Was passiert im wichtigsten globalen Dreiecksverhältnis?

Im Dreieck USA-Europa-China wird es ebenfalls Veränderungen geben. China ist getroffen vom schwächeren Wachstum in Europa und den höheren Sparraten in Amerika. Die wichtigsten Kunden fragen also nicht mehr so viel nach. Deshalb wird auch China nicht mehr so stark wachsen.

Und wie geht es dann weiter in Amerika?

Was sich in den USA abspielt, ist vielleicht nicht so außergewöhnlich. Die Amerikaner stecken jetzt in der vierten großen Krise nach dem Zweiten Weltkrieg. Jedes Mal griff die Regierung ein und half. Wenn man hier den Bogen schlägt zu den Finanzmärkten: US-Aktien sind extrem preiswert. Europäische Aktien werden dagegen unter Druck kommen.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Eine Gefahr für die Zukunft ist die Knappheit von Arbeitskräften in den Industrieländern. Arbeitskraft wird einen neuen Stellenwert bekommen. Hier werden die Preise dafür steigen. Arbeit als neue Anlageklasse, das ist meine Idee. Die favorisierten Industrien sind jene, die sich auf das schrumpfende Arbeitskraftpotenzial konzentrieren und Alternativen in irgendeiner Form anbieten Beispiele dafür sind Robotertechnologie oder Gesundheitswesen, denn bei steigender Lebenserwartung können die Menschen auch länger arbeiten.

Was heißt das für Deutschland?

In der Länderauswahl kommen daher Deutschland oder Japan wegen ihrer schrumpfenden Bevölkerung und sinkenden Konsums schlecht weg. Die favorisierten Länder Türkei, Brasilien, Indien mit einem starken Konsumentenmarkt und einer wachsenden Bevölkerung. Hier gibt es auch ein Problem mit dem Land und Rohstoffen. Die Landpreise sind wegen der steigenden Bevölkerung viele hundert Jahre gestiegen. Das ist jetzt gefährdet. Ähnliches gilt für Rohstoffe, die an Konsum und Produktion gekoppelt sind.

Kommentare zu " Interview mit George Friedman: „Großbritannien ist für Deutschland ein Vorbild“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • im Dreieck? Versuchen sie die Welt etwa mit drei Ecken zu beschreiben? Muah-ha-ha-ha...haaa. Sie spinnen doch! Tut mir wirklich leid Herr Friedman, aber wir müssen jetzt ihr Vermögen verpfänden, mit dem was sie hier gesagt haben, haben sie sich ja sowas von verschuldet. Sie haben ihre ganze Ausbildung entwertet, mit dem, was sie da gesagt haben.

  • Das haben die amerikanischen banken wirklich gut hinbekommen !

    Kompliment !

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%