Interview mit Gottfried Urban
„Wenn Griechenland hält, gibt es keinen zweiten Fall Lehman“

Im Finanzsystem hat sich seit der Lehman-Pleite wenig verbessert, sagt der Vermögensverwalter Gottfried Urban. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt er, warum trotzdem kein neuer Schock droht und Anleger Aktien kaufen sollten.
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Herr Urban, am 15. September 2008 ging Lehman Brothers Pleite, die Finanzwelt brach zusammen, die Welt rutschte in die Rezession. Drei Jahre später beben die Märkte erneut. Stehen wir erneut am Abgrund?

Wir sind heute erneut in einer schwierigen Situation, im Vergleich zu 2008 stehen wir aber deutlich besser da. Die Unternehmen haben ihre Lehren aus der Lehman-Pleite gezogen und sich unabhängiger von den Banken gemacht. Insgesamt stehen sie wesentlich solider da. Zudem gibt es eine ganz andere Risikowahrnehmung. Vieles, was 2008 als undenkbar galt, wird heute als Szenario diskutiert. Die Sensibilität für „Schwarze Schwäne“ ist deutlich gewachsen. Das macht einen Schock wie damals unwahrscheinlich.

Gerade aktuell wird aber wieder viel über Bankenpleiten diskutiert. Droht nicht ein zweiter Fall Lehman?

Wenn wir es schaffen, dass es bis 2013 keinen Schuldenschnitt eines europäischen Staates gibt, rechne ich nicht damit.

Die Gefahr, dass es anders kommt, ist real. Eine Pleite Griechenlands gilt an den Märkten als sehr wahrscheinliches Szenario. Und auch in der Politik gibt es zunehmend Stimmen, die einen solchen Schritt nicht ausschließen.

Viele würden Griechenland ohne Zweifel gerne Pleite gehen lassen. Es wäre auch ein starkes Signal, das anderen Schuldenstaaten zeigen würde, dass sie die Konsequenzen ihres Handelns tragen müssen und nicht immer von den anderen Euro-Staaten aufgefangen werden. Insofern wäre ein solcher Schritt womöglich heilsam. Dennoch glaube ich nicht, dass die Politik es so weit kommen lässt.

Warum?

Auch wenn die öffentliche Diskussion ganz anders verläuft, haben wir in Wahrheit keine Staatsschuldenkrise. Das größte Problem sind nach wie vor die unterkapitalisierten Banken.

Wie bitte? Die ausufernden Staatsschulden sind kein Problem?

Doch, das sind sie. Aber eine hohe Staatsverschuldung wäre beherrschbar, wenn das Bankensystem stabil wäre. Nehmen Sie das Beispiel Japan: Der Staat ist extrem verschuldet, verfügt aber mittlerweile über gesunde Banken. Deswegen hat Japan auch überhaupt keine Probleme, sich am Kapitalmarkt zu finanzieren.

Und die europäischen Banken stehen nach wie vor schlecht da?

Die Eigenkapitalausstattung der Banken hat sich seit 2008 verbessert. Es wurde auch viel dafür getan, vor allem durch die politisch gewollten Niedrigzinsen, die den Banken Margen ermöglichten, die sie so wohl nie wieder sehen werden. Allerdings wurde das Eigenkapital nur an die Risiken angepasst, die im Zuge der Lehman-Pleite offensichtlich wurden. Die europäische Schuldenkrise bringt aber jetzt ganz andere Risiken zu Tage, auf die die Banken nicht annähernd vorbereitet sind.

Was meinen Sie genau?

Bis heute gilt die Gesetzmäßigkeit, dass Banken ihre Euro-Staatsanleihenbestände nicht mit Eigenkapital unterlegen müssen, da diese per definitionem kein Risiko bergen. Spätestens wenn Griechenland Pleite gehen sollte, muss diese Gesetzmäßigkeit durchbrochen werden. Ein Ausfall griechischer Anleihen wäre für die Mehrheit der Institute noch beherrschbar. Aber wer sagt mir denn, dass nicht weitere europäische Staaten folgen werden bzw. künftig auch Eigenkapitalquoten für Bestände an Euro-Staatsanleihen gelten?

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Kommentare zu " Interview mit Gottfried Urban: „Wenn Griechenland hält, gibt es keinen zweiten Fall Lehman“"

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  • Wenn man Griechenland weiteres Geld gibt ist das wie wenn der Therapeut einem Alkoholiker die nächste Flasche Schnaps kauft, diese ist ja billiger ist als eine Therapie.

  • Bravo Herr Urban und danke für eine ausgewogene Meinung. Man vergisst das die wilde Bewegungen an die Börsen, mit die Banken in Führung sind teilweise verursacht von, angehende weltweite Regulierung, die USA 196 Milliarden Klage und dazu kommen Trading losses wegen Börsen Turbulenzen mit ein Rogue trader dazu. Von die Medien wir brauchen mehr zu erfahren über die intern Griechische Anwendung von Spargesetze.

  • Also der Vergleich von Japan mit Griechenland ist schon interessant. Hinkt ja überhaupt nicht, was die Produktivität der jeweiligen Länder angeht und die Mentalität ist ja auch die gleiche. Also bei Ihnen würde ich mein Geld sicher nicht anlegen.

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