Interview mit Jörg Krämer
„Die Ölpreis-Rally ist ein Warnsignal“

Massiv steigende Ölpreise schüren neue Inflationssorgen an den Märkten. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer, wie groß die Inflationsgefahr tatsächlich ist.
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Herr Krämer, die Krise in Libyen treibt die Ölpreise nach oben. Anleger fürchten sich vor Inflation. Zurecht?

Langfristig auf jeden Fall. Wir sagen bereits seit anderthalb Jahren, dass die Inflationsraten deutlich nach oben gehen werden. Der EZB dürfte es im Durchschnitt der kommenden zehn Jahre wohl nicht gelingen, die Inflation wie angestrebt auf knapp 2 Prozent zu begrenzen.

Wieso?

Es gibt ein ganzes Bündel von Gründen. Entscheidend ist, dass ein wirtschaftspolitisches Umdenken stattgefunden hat. Monetaristen gelten heute als altmodisch, Keynesianer sind auf dem Vormarsch. Deshalb beschäftigen sich die Notenbanken heute stärker mit Konjunktursteuerung als früher. Das gilt besonders für die US-Notenbank. Aber auch die EZB misst den krisengeschüttelten Peripheriestaaten bei ihrer Zinspolitik ein deutlich höheres Gewicht bei, als es ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt des Euro-Raums nahelegt.

Damit ist sie auf Linie mit der Politik...

Ja, und zwar mehr, als uns lieb sein sollte. Die EZB ist näher an die Politik herangerückt. Das hat der Beschluss, Staatsanleihen der Peripherieländer zu kaufen, deutlich gezeigt. In Zukunft wird es für die EZB schwieriger, Begehrlichkeiten der europäischen Politik abzuwehren und die Inflation niedrig zu halten.

Wie akut ist denn die Inflationsgefahr bereits?

Die Situation ist noch nicht dramatisch, da es sich bisher vor allem um eine Energiepreisinflation handelt. Die unterliegende Preisauftrieb ist noch sehr moderat. Denn wegen der zurückliegenden Wirtschaftskrise ist die Arbeitslosigkeit in den meisten Ländern mit Ausnahme von Deutschland extrem hoch, das bremst das Lohnwachstum. Man sollte aber nicht den Fehler machen, den starken Anstieg der Ölpreise zu unterschätzen. Er ist ein klares Warnsignal und könnte Vorbote einer allgemeinen Vermögenspreisblase sein.

Wer trägt hieran die Schuld?

Zu einem guten Teil die Zentralbanken. Mit ihrer Niedrigzinspolitik haben sie qualitativ hochwertige Staatsanleihen unattraktiv gemacht und damit den Investoren starke Anreize gegeben, in risikoreichere Anlagen wie etwa Rohstoffe auszuweichen. Man sieht ja, wie sich die Anleger, ich spreche übrigens nicht von Spekulanten, auf den Ölmarkt und andere Rohstoffsegmente stürzen.

Brentöl kostet bereits 108 Dollar je Barrel. Wie würde sich ein Überschießen der Ölpreise auf die Inflation auswirken?

Wenn der Ölpreis auf 120 Dollar stiege, steht bei der Inflationsrate schnell eine drei vor dem Komma. In diesem Risikoszenario könnte die EZB ein großes Problem bekommen, wenn auch die langfristigen Inflationserwartungen anziehen sollten. Sie würde dann wohl reagieren und die Zinsen anheben. An den Aktienmärkten könnte das zwischenzeitlich eine Korrektur auslösen - auch wenn wir auf mittlere Sicht steigende Kurse sehen.

Wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario?

Es ist wie gesagt ein Risikoszenario und nicht unser Hauptszenario. Bisher gehen wir davon aus, dass die Inflationsrate im Euro-Raum im Durchschnitt dieses Jahres bei 2,1 Prozent liegt und 2012 ähnlich ausfallen wird. Aber wenn die westlichen Volkswirtschaften die Krise in vielleicht zwei Jahren vollständig abgearbeitet haben, dürfte die Inflation steigen und eher zwischen drei und vier Prozent liegen als bei knapp zwei Prozent, wie es die EZB anstrebt.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)

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