Interview mit Michael Keppler
„Die Zeche zahlen die Sparer“

Michael Keppler betreut rund 15 Aktienfonds mit einem Vermögen von über drei Milliarden Dollar. Er hat einen guten Ruf als Value-Investor für unterbewertete Aktien und Märkte. Im Gespräch mit dem Handelsblatt wettert der Geldverwalter gegen die Boni-Banker und plädiert für eine Aktienanlage auf lange Sicht. Krisenpropheten gibt er keine Überlebenschance.
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Handelsblatt: Was sind die Lehren aus der Krise für die Finanzindustrie?

Michael Keppler: Ich habe den Eindruck, dass der alte Grundsatz "Aus Erfahrung wird man klug" nicht mehr zu gelten scheint. Oberstes Ziel der Banken ist es offenbar nicht, ihre Bilanzen erst mal in Ordnung zu bringen und die Wirtschaft mit Krediten zu versorgen, sondern die Staatshilfen so schnell wie möglich zurückzuzahlen, um den Vorkrisenzustand wieder herzustellen. Es macht beispielsweise keinen Sinn für die Anleger, im Zusammenhang mit der eben durchgeführten Kapitalerhöhung der Bank of America in Höhe von 18,8 Mrd. Dollar eine Kapitalverwässerung hinzunehmen, nur damit die Bank ihre Boni aufrechterhalten kann. Es wird Zeit, dass die Aktionäre aufwachen und ihre Eigentümerinteressen effizienter vertreten.

HB: Welche Risiken bestehen noch für das Finanzsystem oder die Realwirtschaft?

Keppler: Erstkäufer von Immobilien in den USA bekommen vom Staat 8 000 Dollar geschenkt; dann gibt es auch hier eine Abwrackprämie. Es besteht die Gefahr, dass die Wirtschaft nach dem Auslaufen der direkten staatlichen Hilfen abermals abschlafft.

HB: Ist das Ende der Null-Zins-Politik eingeläutet?

Keppler: Der US-Notenbankchef Bernanke wird es sich dreimal überlegen, bevor er die Zinsen anhebt. Im Zweifel wird er so eine Entscheidung so lange hinausschieben, bis er sich sicher ist, dass die Realwirtschaft ein höheres Zinsniveau verkraften kann. Das De-facto-Nullzinsniveau in den USA ist auch das schlagkräftigste Argument für steigende Aktienkurse. Wenn die Opportunitätskosten null sind, liefert jedes Gewinn- oder Dividendenabzinsungsmodell unendlich hohe Aktienkurse! Übrigens: Noch vor einem Jahr war Alan Greenspan der Buhmann, weil er die Zinsen bis auf ein Prozent gesenkt hatte. Jetzt sind wir bei null. Die echte Zeche zahlen Rentner und Sparer, die um ihr Zinseinkommen betrogen werden - während sich die Investmentbanker über hohe Boni freuen.

HB: Was sind zukunftsfähige Anlagestrategien im Lichte der Krise?

Keppler: Wenn man von Krisengewinnlern absieht, hat sich an erfolgversprechenden Strategien durch die Krise nichts geändert. Ich sehe das eher philosophisch. Ein Farmer, der in einer Umweltkatastrophe - sei es eine Jahrhundertflut oder eine Dürreperiode - gut abschneidet, läuft Gefahr, in 98 Prozent der Zeit suboptimale Ernten zu erzielen. 2008 konnte am Kapitalmarkt nur ein Spekulant, nicht aber ein Investor ordentliche Ergebnisse erzielen.

HB: Und das bedeutet?

Keppler: Analog meinem Beispiel aus der Landwirtschaft wäre das ein Farmer gewesen, der Anfang 2008 sagte: "Wir kriegen eine Flutkatastrophe, da spare ich mir das Saatgut. Ich werde gar nichts anbauen." Oder ein Farmer, der seine Felder am Hang hatte, die von der Überschwemmung verschont blieben, ein Glückspilz also. Ihre Leser sollten sich fragen, wenn sie in die Landwirtschaft investieren, welchem Farmer sie ihr Vermögen anvertrauen wollen - dem, der in 98 Prozent der Zeit gute Erträge erzielt, weil er Fruchtfolgeverfahren anwendet und jedes Jahr sowohl Rüben, Mais und Kartoffeln als auch Getreide anbaut? Rüben, Mais und Kartoffeln profitieren von einem hohen Niederschlag, Getreide liefert in trockenen Jahren gute Erträge. Oder wollen sie lieber einen Farmer, der als eine Art Wetterfrosch den Niederschlag prognostiziert und seine Saat an seinen Wetterprognosen oder den von ihm erwarteten Rohstoffpreisen ausrichtet?

HB: Demnach können Sie Krisenpropheten nichts abgewinnen?

Keppler: Von den Krisenpropheten, von denen einige wie Nouriel Roubini so populär geworden sind, wird man wohl in einigen Jahren nichts mehr hören. Ein anerkannter Investor wie Warren Buffett hat gesagt, dass er Vermögensverwalter entlassen hätte, wenn sie mit einem positiven Ertrag aus dem Krisenjahr 2008 gekommen wären.

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  • in den Naturwissenschaften hat man sich inzwischen darauf geeinigt, Modelle, die unendlich hohe Zahlenwerte generieren, sog. „Singularitäten“, auszusortieren, weil sie vom Ansatz her als falsch einzustufen sind. in der Ökonomie benutzt man weiterhin Gewinnmodelle mit unendlich hohen Aktienkursen bei Opportunitätskosten von null. Das kann nur bedeuten, dass die heute benutzten volkswirtschaftlichen Modelle die Finanzwirklichkeit grundsätzlich falsch beschreiben. Dagegen helfen auch keine "Waschzettel".

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