Interview
„Ökonomen versagen bei Prognosen“

„Die kollektiven Fähigkeiten von Ökonomen auf diesem Gebiet sind nahe Null. Da würde ich lieber Astrologen beschäftigen.“

Professor Taleb, stehen wir heute mehr Großrisiken mit denkbaren katastrophalen Folgen gegenüber als in früheren Zeiten?
Ich glaube schon. Vor dem Wirbelsturm „Katrina“ oder dem Terroranschlag vom 11. September konnten wir uns so etwas nicht vorstellen. Wir haben es zu tun mit neuen Risikoquellen, die praktisch „über Nacht“ auftauchen – und auf die wir nicht vorbereitet sind. Mit anderen Worten: Die Risiken steigen, aber wir erkennen sie erst, wenn sie schon zu Schäden geführt haben. Komplizierter wird das Problem noch dadurch, dass wir heute in einer immer stärker vernetzten Welt leben mit daher auch viel stärkeren Abhängigkeiten. Im Fall eines Schadens kann das zu schwer kalkulierbaren Kettenreaktionen führen.

Was heißt das für Sie als Finanzwissenschaftler?
Ich verwende gerne das Beispiel des schwarzen Schwans. Vor der Entdeckung Australiens waren die Menschen in der Alten Welt davon überzeugt, dass alle Schwäne weiß sind – denn nur solche kannten sie. Aus diesem Grund war die Entdeckung des ersten schwarzen Exemplars eine komplette Überraschung. Ganz allgemein: Seltene und nicht vorhersagbare Ereignisse mit dramatischen Folgen bestimmen und verändern unser gesamtes Leben. Beispiele sind der erwähnte 11. September oder die Revolution durch das Internet. Ich würde sagen, dass der Einfluss dieser Schwarzer-Schwan-Ereignisse in der Menschheitsgeschichte ständig zugenommen hat.

Inwieweit können Prognosen helfen?
Die kollektiven Fähigkeiten von Ökonomen auf diesem Gebiet sind nahe Null. Da würde ich lieber Astrologen beschäftigen. Vor sechs Jahren konnte sich beispielsweise kein Ökonom vorstellen, dass einige Jahre später der US-Leitzins auf ein Prozent fallen würde. Die Prognose der Ölpreise war ein ähnliches Desaster. Die größte Aufgabe ist deshalb: sich vor Prognosefehlern zu schützen.

Welche Varianten bieten sich bei der Depotstrukturierung an?
Immerhin muss man „nur“ wissen, wie sich ein Portfolio im Risikofall verhält. Ich sehe aus praktischer Sicht mehrere Lösungsansätze. Zunächst kann ich ein Großteil meines Geldes in risikolose Anlagen stecken, einen kleinen Rest in sehr risikoreiche Investments. Die zweite Variante wäre eine Depotversicherung, etwa über Put-Optionen, allerdings ist das auf die Dauer teuer. Zu guter Letzt wäre ein Idee: Investiere nur in das, was du genau kennst. Das muss kein börsennotiertes Wertpapier sein. Ich denke an Private-Equity-Anteile oder Anlagen mit Wagniskapitalcharakter. Aber das ist auch die schwierigste Variante.

Wie gehen Sie privat mit Ihrem Geld um?
Ein Großteil meines Altersgeldes steckt in sicheren Anlagen. Das sind neben Staatsanleihen Venture Capital und Private Equity. Dazu kommt ein kleiner Teil preiswerter Aktienoptionen mit hohen Basispreisen, in der Hoffnung, dass einige Börsenstars von morgen dabei sind. Das Ziel bei einem Vermögen für den Lebensabend muss sein: Kein Geld verlieren, und bei der Börsenentwicklung nach oben dabei sein.

Die Fragen stellte Ingo Narat.

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