Investmentfonds schichten ihre Mittel nach Russland um – Analysten warnen vor Rückschlägen
Energiewerte treiben Moskauer Börsenindex auf Rekordhöhe

„Die Luft ist raus“, sagen Russland-Analysten seit Wochen. Dennoch steigt und steigt der Moskauer RTS-Aktienindex. Inzwischen hat das Börsenbarometer sogar erstmals die psychologisch wichtige Marke von 1000 Punkten übersprungen. Damit haben sich die russischen Kurse binnen zehn Jahren verzehnfacht.

MOSKAU. Finanzexperten hatten nicht mit einem derart rasanten Anstieg gerechnet. Allein in diesem Jahr hat der RTS-Index bereits um 65 Prozent zugelegt. Das ist die beste Wertentwicklung aller 79 von der Agentur Bloomberg verfolgten internationalen Indizes. „Heißes Geld und teures Öl“, hat das Moskauer Wirtschaftsblatt „Wedomosti“ als Gründe für den Kursrausch ausgemacht. „Emerging Markets stehen bei Anlegern derzeit hoch im Kurs“, ergänzt Alexej Sabotkin von der Moskauer Investmentbank UFG.

Dabei hatten viele westliche Investmentfonds ihr Geld aus Russland abgezogen – abgeschreckt vom rüden staatlichen Vorgehen gegen den Ölkonzern Yukos. Daher notierte zu Beginn der Verlesung des Urteils gegen den früheren Ölmagnaten Michail Chodorkowskij der RTS-Index auch auf seinem diesjährigen Tiefpunkt bei 630 Punkten. Doch seit Russlands Anteil im weltweit führenden MSCI-Emerging Market-Index deutlich aufgestockt worden ist und sich der Gasgigant Gazprom anschickt, zum größten Einzeltitel aller Schwellenländer-Werte zu werden, schichten Fonds ihre Mittel wieder nach Moskau um. Der Kursanstieg hat – allen Warnungen zum Trotz – weitere Gelder angezogen.

Die Risiken in Russland sind unverkennbar. Führende Ökonomen der größten Moskauer Investmentbanken haben Premierminister Michail Fradkow vor einem falschen Haushaltskurs gewarnt. Die Ausgaben in Milliardenhöhe für neue Sozialausgaben würden die Inflation gefährlich anheizen. Zudem bestehe die Gefahr, dass die gigantischen Öleinnahmen des Landes und ein stark steigender Rubel die Konkurrenzfähigkeit der einheimischen Nicht-Energie-Produzenten deutlich verringerten. Der Ölsegen würde damit zum Fluch – wie bereits 1998, als die drastische Rubel-Überbewertung in einen Finanzcrash mündete.

Russische Aktien gelten zudem als teuer: Wurden sie in den vergangenen Jahren mit erheblichen Abschlägen gegenüber anderen Titeln aus Schwellenländern gehandelt, so kosten russische Aktien heute durchschnittlich fast das Zwölffache des für 2006 erwarteten Gewinns. Im Durchschnitt beträgt dieses Kurs-Gewinn-Verhältnis bei Schwellenländer-Aktien 10,9. Wegen der stark gestiegenen Kurse raten Analysten bei einzelnen russischen Titeln zu Gewinnmitnahmen: So hält Morgan Stanley den größten Ölkonzern des Riesenreichs, Lukoil, inzwischen für hoch bewertet. Citigroup hat gerade Gazprom von „kaufen“ auf „halten“ zurückgestuft.

Doch nicht nur Öl- und Gaswerte haben in den vergangenen Monaten Stärke gezeigt. Die Papiere der Stahlkonzerne Evraz und Mechel wurden von den wieder anziehenden Stahlpreisen auf neue Rekordhöhen getrieben, der Internetdienstleister RBC hat seit Jahresbeginn bereits um 103 Prozent zugelegt, der Handelskonzern Siebter Kontinent sogar um fast 150 Prozent.

Die Experten sind sich nahezu einig: Der Markt ist heiß gelaufen. Alexej Batschurin von der Investmentgesellschaft Renaissance Capital: „Wir haben unsere Kunden gewarnt, von nun an gehen sie ihr eigenes Risiko.“

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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