Investoren gehen bei ihren Investments vorsichtiger vor
Die Anleger sind reifer geworden

Millionen Deutsche hat seit Mitte der 90er Jahr die Begeisterung für Aktien gepackt. Doch die Euphorie ist bei manchem Anleger zuletzt der Ernüchterung gewichen.

Im Vergleich zum Jahr 1997 hat sich die Zahl der Aktionäre und Fondsbesitzer in Deutschland bis heute zwar nahezu verdoppelt. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest im Auftrag des Deutschen Aktieninstituts hielten im ersten Halbjahr 2004 10,6 Millionen Deutsche Aktien oder Aktienfonds. Mitte der neunziger Jahre waren es erst 5,6 Millionen.Der anhaltende Kursverfall und die unsicheren weltpolitischen und konjunkturellen Entwicklungen der vergangenen Jahre sind am deutschen Aktienmarkt aber nicht spurlos vorübergegangen.

Auch wenn die Abkehr von der Anlageform Aktie geringer ausfällt als befürchtet, ist die Zahl der Aktionäre und Fondsanleger nach dem Höchststand von 13,4 Millionen im ersten Halbjahr 2001 immer weiter gesunken. Der Rückgang beschränkt sich nicht nur auf die direkte Anlage in Aktien, sondern umfasst - wenn auch zeitlich leicht verzögert - ebenfalls die Anlage in Aktienfonds und in gemischten Fonds.

Angesichts dieser Entwicklung scheint es um die Aktienakzeptanz in Deutschland derzeit schlecht bestellt zu sein. Viele Anleger haben die positive Börsenentwicklung im zweiten Halbjahr 2003 genutzt, um Kursgewinne zu realisieren und sich von ihrem Aktienengagement zu trennen. Diese Gewinnmitnahmen sowie die Zurückhaltung bei der Zeichnung von Neuemissionen sprechen jedoch auch für ein gereiftes Verhalten der Anleger. Die deutschen Aktionäre sind vorsichtiger geworden. Dieses überlegte Handeln, das auf dem Höhepunkt der Aktieneuphorie Ende der 90er Jahre selten zu beobachten war, haben viele Anleger verinnerlicht. Das spricht dafür, dass sich die Aktienkultur in Deutschland gebessert hat.

Vertrauen noch nicht wiederhergestellt

Das Vertrauen der Anleger in den organisierten Kapitalmarkt und speziell in die Anlageform Aktie ist aber noch nicht wiederhergestellt. Der Gesetzgeber hat zwar frühzeitig begonnen, künftige Fehlentwicklungen dadurch zu verhindern, dass er den Anlegerschutz verbessert und die Transparenz steigert. Damit will er einer Ursache des Vertrauensschwundes entgegen wirken. Die von der Bundesregierung bislang initiierten oder infolge Brüsseler Vorgaben in Angriff genommenen Gesetze haben bislang jedoch keine messbaren Effekte gezeigt. Dies ist nicht weiter verwunderlich: Die Mehrzahl der neuen Vorschriften haben erst seit einigen Monaten Gültigkeit oder befinden sich noch in der Beratungs- und Beschlussphase.

Eine vertrauensbildende Wirkung auf die Anleger konnten sie deshalb bis jetzt noch nicht entfalten. Die Anleger müssen die neuen Bestimmungen zunächst einmal wahrnehmen. Zudem müssen die Regelungen ihre Schutzwirkung - durch Ausbleiben neuer Skandale oder strenge Ahndung neuer Verstöße - erst unter Beweis stellen. Dies kann je nach Art der Regelung Jahre dauern.

Auf die anhaltende Zurückhaltung der Anleger mit noch mehr neuen gesetzgeberischen Maßnahmen zu reagieren, schafft in der momentanen Situation keine Abhilfe. Neben dem berechtigten Schutzinteresse der Anleger müssen die Interessen der Emittenten und der Börsenaspiranten Berücksichtigung finden. Denn sie bestimmen die Aktienakzeptanz an einem Finanzplatz maßgeblich mit. In diesem Punkt ist es in Deutschland derzeit schlecht bestellt: 2003 ist der Primärmarkt zum Erliegen gekommen. Selbst die in diesem Jahr bislang erreichte Zahl von vier Neuemissionen ist für eine hoch entwickelte Volkswirtschaft wie Deutschland zu gering und stellt der hiesigen Aktienakzeptanz ein schlechtes Zeugnis aus.

Deutsche Unternehmen tun sich traditionell mit einem Gang an die Börse ohnehin schwer. Da aber die Finanzierungspraxis über Kredite nachhaltig erschwert wurde, sind deutsche Unternehmen künftig verstärkt auf alternative Finanzierungsquellen angewiesen. Die Börsennotierung eröffnet hier den Zugang zum organisierten Kapitalmarkt. Die zunehmende Regelungsdichte für börsennotierte Gesellschaften wirkt jedoch kontraproduktiv: Sie stellt insbesondere für kleinere Unternehmen mittlerweile eine nahezu prohibitiv hohe personelle und finanzielle Belastung dar.

Will man den Primärmarkt fördern, darf man potenziellen Börsenkandidaten den Gang an den Aktienmarkt nicht zusätzlich erschweren. Vielmehr müssen attraktive Rahmenbedingungen für potenzielle Emittenten geschaffen werden. Hierzu zählt auch, dass die Börse geeignete Plattformen bereitstellt, die den Neuemittenten die erforderliche Aufmerksamkeit sichern.

Langfristig kommt es auch darauf an, in das Wissen der Anleger zu investieren. Dies könnte die Aktienakzeptanz in Deutschland steigern, den Anlegerschutz erhöhen und bessere Bedingungen für Börsenaspiranten schaffen. Nach dem Börsenboom der späten 90er Jahre und den nachfolgenden Kurseinbrüchen haben Anleger eine unrealistische Vorstellung von der Rendite-Risiko-Struktur der Aktie. Alle Beteiligten müssen die Chancen und Risiken der Aktie deshalb noch deutlicher als bislang vermitteln.

Die Aktienakzeptanz in Deutschland muss sich auch unter erschwerten Bedingungen bewähren. Es gibt keine Alternative zur stärkeren Nutzung der Aktie.

Rüdiger von Rosen ist Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Aktieninstituts.

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