Investoren in Not: Der Tanz auf dem Drahtseil

Investoren in Not
Der Tanz auf dem Drahtseil

In der Welt der Niedrigzinsen leben Anleger gefährlich. Wer sein Geld sicher anlegen will, hat schon verloren. Nur wer hohe Risiken eingeht, kann noch Rendite erzielen. Ein prominenter Investor findet das „pervers“.
  • 9

DüsseldorfIn der Finanzbranche gibt man sich gerne diskret, zumindest nach außen hin. Wenn die Herren unter sich sind, werden die Aussagen schon mal deutlicher. „Die Geldpolitik ist völlig impotent“, schimpft Asoka Wöhrmann. Der Mann ist oberster Fondsmanager der DWS, der größten Fondsgesellschaft in Deutschland. In der Öffentlichkeit wählt er seine Worte mit Bedacht. Aber in der noblen Villa Kennedy beim Capital Geldanlage-Gipfel in Frankfurt wird heute Klartext geredet. Etwa hundert Gäste sind gekommen, allesamt Investoren wie Wöhrmann. Sie alle treibt dieselbe Sorge um: Wie lege ich mein Geld in einer Welt an, in der es keine Zinsen mehr gibt?

Der Titel des Vortrags lautet: „Finanzrepression – Theorie & Praxis“. Das klingt staubtrocken, aber wer Wöhrmann zuhört, wer sieht, wie er gestikuliert, wie er auf dem Podium hin und her läuft, der ahnt, dass es hier ans Eingemachte geht. „Es gibt einen versteckten Vermögenstransfer vom Sparer zum Schuldner“, sagt er. „Der Finanzminister kommt unter der Tür durch – und Sie merken es nicht mal.“ Ein Raunen geht durchs Publikum. Die Zuhörer wissen zu gut, wovon Wöhrmann spricht.

Finanzielle Repression – so lautet momentan das Modewort in der Geldbranche. In der Villa Kennedy erhitzt es die Gemüter, kein Vortrag kommt ohne einen Verweis darauf aus. Eigentlich stammt der Begriff aus den 1970er-Jahren, geprägt von den Ökonomen Ronald McKinnon und Edward Shaw. Aber Moden kehren ja bekanntlich wieder. Damals wie heute umschreibt der Begriff ein Bündel von Maßnahmen, mit dem ein hochverschuldeter Staat seine Finanzierungskosten künstlich niedrig hält und klammheimlich die Bürger enteignet – dazu zählen etwa Zinsobergrenzen, der Zwang zum Kauf von Staatsanleihen oder Sondersteuern.

Die Notenbanken assistieren dabei, indem sie die Zinsen künstlich niedrig halten. Seit der Finanzkrise haben sie den Zins praktisch abgeschafft. Die Banken sollen möglichst billig an Geld kommen, um dieses weiter an die Unternehmen zu leiten, damit die wiederum Jobs schaffen. Soweit die Theorie. Nebenbei ermöglichen Niedrigzinsen geringe Refinanzierungskosten, was bei auslaufenden Verbindlichkeiten nützlich ist. So kommen die hochverschuldeten Staaten etwas länger über die Runden. Müssten Spanien, Italien oder Frankreich höhere Zinsen zahlen, kämen sie schnell an den Punkt, an dem Griechenland jetzt schon ist.

„Die Kreditmärkte sind völlig aus dem Gleichgewicht geraten“, sagt Wöhrmann. „Deutschland zahlt keine Zinsen, bekommt sogar Geld für Schulden. Das ist eine Perversion.“

Wer sich Geld leihen will, bekommt es hinterher geworfen; wer etwas anlegen will, bekommt nichts dafür. Das kann man pervers finden. Aber so funktioniert die Welt der Niedrigzinsen und der Finanzrepression.

Kommentare zu "Der Tanz auf dem Drahtseil"

Alle Kommentare
  • @Stefan Wehmeier: Das ist hier keine Sammelstelle für Links auf bizarre Heilslehren.
    Seit Jahren verbreiten Sie ihren Unsinn im Internet;
    es bleibt trotzdem pseudoreligiöser Mist aus der Scientology Ecke

  • Natürlich zahlen sie Zinsen und das nicht zu knapp!
    Jede Ware oder Dienstleistung die Sie kaufen enthält einen gewissen Anteil an Zinsen die vom Verkäufer in den Preis hineingerechnet werden müssen.
    Schätzungen gehen davon aus, dass je nach Ware zwischen 20 bis 70% der Preises von Zinses veruracht wurde.

    Sie müssten schon mindestens die Hälfte ihrer Lebenshaltungskosten aus Zinseinahmen und Dividenden bestreiten um den Break-Even zu schaffen.

  • Zinsen? Ich zahle keine Zinsen mehr. Alle meine Verträge sind mit fest vorkalkulierten Zahlen versehen und bieten damit später keine Überraschungen mehr. Mein Tip an Leute mit "zuviel Geld" ist dr:
    Bitte investieren Sie in die Zukunft, die Menschen sind die Zukunft, die Menschen, die neue Ideen haben, die umgesetzt werden wollen. Natürlich ist das Risiko, aber alle Unternehmen haben einen Lebenszyklus, wie jedes Projekt auch! Und was heute noch gut läuft ist morgen schon beerdigt. Die Menschen aber, die machen den Unterschied.

  • "Ein prominenter Investor findet das „pervers“."

    Unter den "etablierten" Ökonomen war allein John Maynard Keynes wenigstens so ehrlich zuzugeben, dass eine staatliche Liquiditätsgebühr auf alles Zentralbankgeld ("carrying costs") "der vernünftigste Weg sein (würde), um allmählich die verschiedenen anstößigen Formen des Kapitalismus loszuwerden. Denn ein wenig Überlegung wird zeigen, was für gewaltige gesellschaftliche Veränderungen sich aus einem allmählichen Verschwinden eines Verdienstsatzes auf angehäuftem Reichtum ergeben. Es würde einem Menschen immer noch freistehen, sein verdientes Einkommen anzuhäufen, mit der Absicht es zu einem späteren Zeitpunkt auszugeben. Aber seine Anhäufung würde nicht mehr wachsen."

    Doch ohne diesen "vernünftigsten Weg" zu beschreiten, was Silvio Gesell bereits 20 Jahre vorher getan hatte, lässt sich Keynes in seiner "Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" (1936) nur über alle denkbaren und undenkbaren Möglichkeiten aus, wie es der politischen Seifenoper gelingen könnte, den Privatkapitalismus (Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz) durch eine "antizyklische staatliche Investitionspolitik" bis zum Staatsbankrott durch Überschuldung hinauszuzögern, anstatt das Elend einfach abzustellen. So können wir heute sagen: "Keynes sei Dank" gibt es uns noch, aber dafür wird der bevorstehende, endgültige Zusammenbruch der Weltwirtschaft (globale Liquiditätsfalle) umso katastrophaler werden, sollte es nicht gelingen, noch während der einsetzenden Deflationsphase die Natürliche Wirtschaftsordnung zu verwirklichen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/07/der-zins-mythos-und-wahrheit.html

  • WO FINDE ICH DAS VIDEO VON DER REDE?

  • >> Aber den Renditekick bringen sie nicht. <<
    Es gibt xx Firmen, die recht zuverlässig weil finanziell und operativ abgesichert ihre Div. jährlich erhöhen, was darüber a la longue zu Kursgewinnen führt, woraus dann entsprechende 'Renditekicks' resultieren - da sollte bzw. könnte die Hundertschaft Investoren vl. einfach mal etwas research betreiben.

    Aber es ist offenbar, in der Tat und, sic!, "dank" EU, vielmehr so, dass sie das gar nicht sollen.

    Dass darüber nun die ersten Institutionellen vor dem Renditeexitus stehen, ist bezeichnend für die 'Perversion', gehört aber nun mal mit zur Bereinigung.

    Immerhin kann der gemeine Privatanleger und -sparer seit nun immerhin 4 Jahren trotz mitunter medialer Desinformation gut im Bilde sein und entsprechend disponieren - er sollte nicht mehr groß jammern.

    Erst wenn man auch dem 'intelligenten Investor' stärker an die Wäsche ginge (Dtld. tut sich da seit 2009 leider hervor), dürfte das System und seine Protagonisten in Frage stehen; mit entsprechender Konsequenz für das Volksvermögen und damit die Demokratie.
    Wünschen sollte sich das sicher keiner, und jeder was dafür tun, dass das in der mitunter hysterischen Politik eher stärker als bisher reflektiert wird.

  • Ich gebe Ihnen volkommen Recht "Schuischel". Bevor die Lebensversicherer in Gold investieren wird das Währungssystem aber schon kollabiert sein. Da hilft nur eines: Alles komplett kündigen und veräußern, wo Fixed Income draufsteht oder drin ist. Ist doch klar wie Kloßbrühe.

  • Ganz guter Artikel, der aufzeigt was bei der Finanzrepression alles passiert bzw. die Zusammenhänge.

    Eines vesteh ich aber nicht. Man kann hervorragend in Aktien investieren, oder man kann auch noch in Immobilien investieren, UND man kann auch Staatspapiere kaufen, und zwar in einem Korb. Natürlich müssen da auch PIIGS-Anleihen rein. Wer den richtigen Mix auswählt - und das ist einfach wie sonst noch was - der kann ein sehr sehr gutes Rendite/Risiko-Verhältnis erlangen.

    Nur, und da liegt das Problem, Gesellschaften wie Lebensversicherer oder Riester/Rürup-Anlagegesellschaften sind ja nicht nur an der Rendite für den Kunden interessiert. Da geht es doch alleine um den eigenen Schnitt: Wie kann ich den Sahne abschöpfen!!!

    Auch deckt der Artikel auf wie pervers die Lebensversicherer eigentlich arbeiten, wenn sie für Libanon-Anleihen genau so viel Zinsen zahlen wie für Spanien- oder Italo-Anleihen. Auch zeigt die Grafik, dass die Privatvermögen in Spanien und Italien, auch Portugal und Irland gigantisch sind. Also jetzt auf die Schwellenländer zu schielen ist absolut pervers. Letztlich hängen die ja mehr von Europa ab als anders rum. Wer jetzt in Schwellenländer geht, dem kann auch keiner mehr helfen.

  • Quatsch, das ist bekannt. Nennt man finanzielle Repression. Und in diesen Phasen sollte man in mobile Sachwerte gehen. Insbesondere die Edelmetalle Gold und Silber sind attraktiv.

Serviceangebote