Joachim Goldberg im Interview
„Viele Investoren sind unter Zugzwang“

Joachim Goldberg gilt als einer der bekanntesten "Börsenpsychologen" Deutschlands. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt er, warum er die Rally an den Börsen für übertrieben hält. Für Anleger hat Goldberg einen praktischen Rat.

Handelsblatt: An der Börse rechnet man fest mit dem Aufschwung. Sind die Erwartungen zu hoch?

Joachim Goldberg: Man muss sich im Klaren sein: Wir haben eine Hausse, die auf Liquidität basiert; hinzu kommt, dass der Markt schon ziemlich weit gelaufen ist.

Einige Wirtschaftsdaten deuten aber auf ein Ende der Rezession hin.

Die Psychologie beeinflusst die Kurse derzeit weit mehr als Zahlen. Viele haben die Rally nicht mitgemacht und sind unter Zugzwang. Sie brauchen einen Vorwand, um doch noch einzusteigen. Dazu müssen dann ein paar zufällig ausgewählte Wirtschaftsdaten herhalten, die nur weniger schlecht als erwartet ausfallen.

Die Zahl der Experten, die einen Aufschwung prognostizieren, wächst. Ist das kein gutes Zeichen?

Es ist schon komisch. Erst erzählen alle großen Experten, dass die Rally fundamental nicht gerechtfertigt ist und der Einbruch kommen wird. Jetzt heißt es, es sei alles wieder in Ordnung. Es gibt immer noch einige, die meinen, dass es wieder runtergeht. Aber die halten jetzt ihren Mund.

Kleinanleger steigen oft zu hohen Kursen ein und verkaufen, wenn die Aktien fallen. Warum verpassen so viele den richtigen Zeitpunkt?

Das menschliche Gehirn geht mit Verlusten ganz anders um, als mit Gewinnen. Verluste will man nicht wahrhaben, Gewinne sofort realisieren. Die meisten lassen deshalb Verluste zu lange laufen und nehmen Gewinne zu früh mit.

Und wie kann man das ändern?

Das allerwichtigste ist nicht das Timing, sondern einen Plan zu haben. Schon bevor man in den Markt einsteigt, sollte man sich überlegen, wie man wieder rauskommt. Wir werden nicht alle am tiefsten Punkt kaufen und am höchsten Punkt verkaufen. Damit müssen wir uns abfinden, sonst gäbe es keinen Markt mehr.

Welchen Rat geben Sie Anlegern mit auf den Weg?

Anleger müssen sich immer über das Verhältnis von Chancen und Risiken klar sein. Ich handele nach der Regel: Das was ich gewinnen möchte, muss etwa drei Mal so hoch sein, wie das, was ich verlieren kann. Wenn ich zum Beispiel zehn Euro einsetze, muss ich davon überzeugt sein, dass ich damit 30 Euro verdienen kann.

Joachim Goldberg ist Experte für Behavioral Finance und Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Cognitrend. Er gilt als einer der bekanntesten "Börsenpsychologen" Deutschlands.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
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