Jüdisches Museum Berlin
Sudan wird zum Sündenfall

Mit einer Aktionswoche macht zurzeit das Jüdische Museum Berlin auf die „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ im Sudan aufmerksam. Für deutsche Anleger ist dies bisher kein Thema, in den USA hingegen engagiert sich eine wachsende Bewegung großer Investoren gegen den Völkermord.

BERLIN. Wissenschaftler, Völkerrechtler, Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen, Journalisten und Fotografen berichten derzeit im Jüdischen Museum Berlin über den Völkermord in der Region Darfur, dem laut Experten bisher 200 000 Menschen zum Opfer fielen, sowie über die Lage von rund 2,5 Mill. Flüchtlingen. Für deutsche Anleger ist dies bisher kein Thema, in den USA hingegen engagiert sich eine wachsende Bewegung großer Investoren gegen den Völkermord.

Einige Bundesstaaten und mehr als 30 Universitäten, darunter Havard, verkaufen Aktien von Firmen, die im oder mit dem Sudan Geschäfte machen. Das berichtet die US-Ratingagentur KLD, die zur Siri Company, dem weltgrößten Netz von Nachhaltigkeitsresearchern gehört. Illinois, New Jersey, Oregon, Kalifornien, Maine und Connecticut verabschiedeten so genannte „Divestment“-Gesetze (siehe „Amerikanische Initiative“). Im November erging ein Aufruf an 44 Bundesstaaten, Pensionsfonds auf im Sudan aktive Unternehmen zu überprüfen, „die der Regierung helfen, den Völkermord zu betreiben“.

Immer machen laut KLD weltweit mehr als 130 Konzerne Geschäfte im Sudan. Auf der Liste stehen beispielsweise der Telekomkonzern Alcatel und Total. Auch Siemens und ABB bauten am Merowe-Staudamm mit. ABB entschied aber Anfang Januar, angesichts „politischer, gesetzlicher und wirtschaftlicher Faktoren“ die Geschäftsaktivitäten im Sudan „vorläufig einzustellen.“ Siemens beschloss Mitte Januar, wegen der humanitären Lage keine neuen Aufträge anzunehmen. In Deutschland hat jedoch bislang nicht ein Großanleger die Nachhaltigkeitsagenturen Oekom Research in München, Imug in Hannover und die zu Siri gehörende Scoris in Frankfurt nach Darfur gefragt. Die Agenturen könnten Vermögenden und Institutionellen ein Sudanscreening bieten. Für Kleinanleger gibt es hier zu Lande keine Informationsquelle.

Deutsche Analysten und Fondsmanager halten ohnehin wenig von einem generellen Ausschluss. Sie bewerten Firmen nach bis zu 200 Kriterien, was erklärt, warum sie Unternehmen bei Kontroversen nicht gleich aus ihrem Portfolio streichen. „Man kann Unternehmen nicht einfach wegen ihres Engagements in Konflikt-Staaten ausschließen, denn vielleicht tun sie dort Gutes. Ausschließen wollen wir sie nur, wenn sie mit dem Regime kooperieren, indem sie zum Beispiel dessen Sicherheitskräfte benutzen und Menschenrechtsverletzungen fördern oder begehen“, erläutert Matthias Bönning, Leiter des Oekom-Analystenteams. „Viele Fragen müssten geklärt werden“, sagt auch Silke Riedel von Imug: Haben Firmen eine Menschenrechtspolitik? Engagieren sie sich, um die Lage im Land zu bessern? Sind sie schon wegen Vergehen angeprangert worden? Sind sie selbst im Land aktiv oder über Zulieferer?

Derart differenziert geht Ökovision vor, einer der strengsten Nachhaltigkeitsfonds. Der Anlageausschuss habe empfohlen, den japanischen Rückversicherer Sompo auszuschließen, weil der Konzern mit dem Regime in Myanmar (Burma) kooperierte, sagt Karl-Heinz Brendgen, Managing Direktor des Anbieters Ökoworld Lux. Auf der anderen Seite investiert der Fonds in die Schweizer Synthes, die Kliniken unfallchirurgische Instrumente und Implantate liefert. „Die Produkte sind so hilfreich, gerade für ein Land mit Menschenrechtsverletzungen, dass ein Ausschluss kontraproduktiv wäre“, sagt Brendgen.

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