Jürgen Steiner
„Die üblichen Risikostufen greifen zu kurz“

Jürgen Steiner ist Professor für Financial Planning an der Universität Passau. Im Interview spricht er über die Risikobereitschaft der Anleger und wie eine gute Beratung aussehen sollte.

Handelsblatt: Wie viel Risiko sollte man als Anleger eingehen?

Jürgen Steiner: Man sollte sich immer bewusst sein, wie viel Geld in Euro auf dem Spiel steht. Ich habe mir Risiko immer in absoluten Geldbeträgen vorgestellt. Wenn man beispielsweise von 100 000 Euro in fünf Jahren mindestens 80 000 Euro zurückhaben will, kann man darauf ein Anlagekonzept aufbauen. Die Risikomaße der Anlageprofis können Laien kaum verstehen.

Wie kann man sich der persönlichen Risikoeinstufung nähern? Risiko hat immer etwas mit dem Zweck der Anlage und dem Anlagehorizont zu tun. Ist das Ziel der Geldanlage Altersvorsorge, dann muss man anders anlegen, als wenn man kurzfristig für die Anschaffung eines Boots spart. Hinzu kommen Aspekte wie die Risikotragfähigkeit oder das Sparpotenzial eines Anlegers. Die übliche Risikoklassifizierung der Banken in drei bis vier Stufen bildet lediglich die Risikobereitschaft ab und greift daher zu kurz.

Ist ein reines Aktiendepot der Königsweg für den Vermögensaufbau?

Es kann kein Königsweg sein, sonst würden ihn viel mehr Anleger nutzen. Egal, ob man für das Alter oder ein Boot spart – bei der Wahl der Anlageklassen ist die individuelle Anlagesituation wichtig. Daneben spielt es auch eine Rolle, wie der Staat Vermögensbildung fördert oder ob der Anleger Wohneigentum erwerben will.

Aber Aktienkurse steigen doch besonders dynamisch!

Das gilt aber auch für Bewegungen in die Gegenrichtung. Risiko und Chance treten immer als Zwillingspaar auf. Die zentrale Frage ist: Kann ich nachts noch ruhig schlafen, wenn die Kurse fallen?

Welchen Stellenwert sollte Geldanlage im privaten Portfolio haben?

Für die meisten Deutschen ist Geldanlage nur ein kleiner Baustein in der persönlichen Finanzplanung. Nicht minder wichtig sind Liquidität oder Vorsorge, etwa für die Berufsunfähigkeit oder die Hinterbliebenen. Portfoliostrukturierung mit riskanten Wertpapieren ist vor allem etwas für Leute, die „Spielgeld“ übrig haben.

Wieso empfehlen Anlageberater dann jungen Menschen, auf Aktien zu setzen?

Weil sich Aktien auf lange Sicht von Tiefschlägen erholen können. Wenn man aber mit 58 Jahren die eigenen Aktien im Keller sieht, dann hat man ein Problem. Erst wenn das Existenzminimum etwa über eine Leibrente abgesichert ist, kann man beim Kapitalstock in riskantere Werte gehen.

Wie soll eine gute Beratung denn aussehen?

Die private Finanzplanung muss vernetzt erfolgen, und dafür braucht ein Berater Zeit – bei einer Erstberatung mindestens drei Stunden. Dabei muss man Ziele und bestehende Finanzgeschäfte des Kunden erfassen und bei der Beratung ausgiebig über mögliche Strategien reden. Schließlich geht es um die Bereiche Liquidität, Vorsorge und Vermögen. Leider sagen die meisten Anbieter, dass man so kein Geld verdienen kann. Das stimmt aber nicht, wenn man Finanzberatung als dauerhafte Kundenbetreuung und nicht nur als einmaligen Akt versteht.

Die Fragen stellte Daniel Zwick

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%