Klaus Kaldemorgen
„Ich habe sehr absurde Dinge beobachtet“

Die Krise an den Finanmärkten wird noch gravierende Folgen haben, erwartet Klaus Kaldemorgen, Leiter von DWS Deutschland. Aber längst nicht alles, was an den Märkten passiert, ist auch rational. Eines ist aber sicher, sagt Kaldemorgen: Einen zweiten Fall Lehman wird es nicht geben.

Wir haben jetzt in der Krise ein paar ruhigere Tage. Diese Krise hat eine bisher unbekannte Dimension. Neben Banken sind auch Staaten in die Kreditklemme geraten. Es ist eine globale Krise, aber ich sehe, dass Regierungen und Notenbanken in konzertierter Aktion versuchen das Feuer zu löschen. Die schlimmsten Verwerfungen hat man in den Griff bekommen.

Ich erkenne noch einen gewaltigen Vertrauensverlust an den Märkten, bis hin zu Anlegern und Konsumenten. Es ist sicher eine bedrohliche Situation, die aber von Notenbanken und Regierungen gut gemanagt wird. Die Lage ist schwierig, aber es ist nicht zu befürchten, dass Spargelder gefährdet sind. Das können Staat und Notenbank sicherstellen. Alle Regierungen und Notenbanken haben den Ernst der Lage erkannt. Da wird nichts mehr anbrennen. Es wird keine Bank mehr geben, die wie Lehman kippt.

Langfristig hat die Krise gravierende Folgen. Ich erwarte Null-Zins-Politiken und explodierende Staatsdefizite. Man muss sich Gedanken machen, was das für die Anlagepolitik bedeutet. Die Risikoaufschläge sind in wenigen Monaten von historischen Tiefs zu einem historischen Hoch gesprungen.. Das Vertrauen ist also erst einmal hin. Ist dieser Vertrauensverlust irrational? Diese Frage würde ich erst einmal bejahen. Wenn man an den Staat glaubt, so sollte man erst recht an die Unternehmen glauben. Die Firmen zahlen die Steuern und das zu versteuernde Einkommen der Bürger.

Wir haben einen außerordentlichen Ansturm auf Staatstitel erlebt. Teilweise waren die Zinsen in USA negativ. Das reflektiert den Vertrauensverlust und ist auf Dauer nicht rational. Genau so irrational war es bis vor einem Jahr, nur noch hauchdünne Risikoaufschläge zu akzeptieren. Heute dagegen wird Risiko mit außerordentlich hohen Zinsen entlohnt. Derzeit ist der Kauf von Staatsanleihen nicht nachzuvollziehen. Sicher muss jeder seine Anlagen streuen, aber die Verhältnisse bei der Risikobetrachtung haben sich extrem verschoben.

Ich habe sehr absurde Dinge beobachtet: Die Credit Default Swaps auf US-Staatsanleihen steigen. Es gibt Versicherungen auf den Ausfall des Staates USA. Die Swaps preisen das Risiko ein, dass der Staat Bankrott geht. Aber wenn es so kommen sollte: Wer könnte das bezahlen? Anleihen der russischen Gasförderers Gazprom rentieren jetzt mit 18 oder 19 Prozent. Sicher gibt es ein Risiko in diesem Geschäft. Aus Investoren sicht macht es aber keinen Sinn, Russland mit einer so hohen Risikoprämie zu belegen. Das gilt auch für viele deutsche Aktien und Unternehmen. Damit am Aktienmarkt wieder Ruhe einkehrt, brauchen wir allerdings mehr Stabilität und keine zweistelligen Tageschwankungen. Wenn die Kurs gestandener Unternehmen so schwanken wie in den vergangenen Wochen, geht das Vertrauen den Bach herunter. Wir brauchen ruhigere Kurse.

Die Aktienmärkte haben in diesem Jahr etwa die Hälfte an Wert verloren. Das war bisher das schlechteste Jahr in den letzten 100 Jahren. Nach der Statistik muss man sagen: Danach muss es aufwärts gehen. Deshalb sind Anleger gut beraten, sich wieder dem Aktienmarkt zu nähern. Die erwarteten Gewinne der nächsten Jahre kann man mit dem Kauf vor dem Ultimo noch steuerfrei stellen ? wegen der Einführung der Abgeltungssteuer. Ich kann aber verstehen, wenn die Anleger sich bei diesen Schwankungen noch zurück halten nach dem Motto: Morgen bekomme ich es vielleicht noch billiger.

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