Kostensenkungen werden am Aktienmarkt noch immer unterschätzt – Industriewerte und Einzelhändler profitieren
Weniger Lohn sorgt für höhere Kurse

Die meisten Investoren haben noch nicht bemerkt, welch enormes Potenzial die aktuellen Lohnsenkungsrunden deutscher Unternehmen für den Aktienmarkt darstellen. Besonders die Industrie- und Einzelhandelswerte gehören nach Ansicht führender europäischer Aktienmarktstrategen zu den Gewinnern.

FRANKFURT/M. „Wir glauben, dass der Einfluss auf die Aktienkurse größer ist, als wir ihn im Moment in den Marktpreisen sehen, und erwarten im Laufe des Jahres 2005 weiterhin etliche positive Überraschungen“, sagt Lars Kreckel von der niederländischen ABN Amro. Nach wie vor ist das Thema Lohnsenkungen seiner Meinung nach – gerade beim Blick von außen – eines der wichtigsten Themen am deutschen Aktienmarkt in diesem Jahr.

Bislang war das Thema Arbeitszeitverlängerungen und die Auswirkungen auf den Aktienkurs vor allem auf Siemens und Daimler- Chrysler abgestimmt, die im Sommer 2004 die Schlagzeilen mit diesem Thema beherrscht haben. Nun sollen aber nicht nur die großen, international agierenden Unternehmen profitieren, sondern auch viele kleine und mittlere Gesellschaften aus MDax und SDax. „Viele Lohnabschlüsse dort werden nicht an die große Glocke gehängt, sondern gehen weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit über die Bühne“, sagt Gerhard Grebe, Chefstratege beim Schweizer Bankhaus Julius Bär.

Als Paradebeispiel dafür führt er die im MDax gelistete Krones AG an. Das Management des bayerischen Herstellers von Verpackungsmaschinen hat sich Ende November mit dem Betriebsrat auf eine Verlängerung der Arbeitszeit, verknüpft mit einer Arbeitsplatzgarantie bis ins Jahr 2010, geeinigt. Der Clou dabei: Weil das Thema sehr sensibel ist, wurden nur wenige Details aus der Abmachung der Öffentlichkeit präsentiert. Erst allmählich sickerte in den folgenden Wochen durch, wie umfangreich das Maßnahmenpaket überhaupt ist.

Seither ist der Aktienkurs um rund 20 Prozent auf über 92 Euro nach oben geklettert. Für Peter Rothenaicher von der Hypo-Vereinsbank (HVB) ist das immer noch zu wenig. Der Analyst hat bei Bekanntwerden der Maßnahmen im November sein damaliges Kursziel von 92 Euro bestätigt. Nachdem dies in den letzten Tagen erreicht wurde und die weiteren Aussichten sehr gut sind, hat Rothenaicher Anfang Februar sein Kursziel für die Krones-Aktie auf 108 Euro hochgesetzt.

Drei Gründe sind nach Ansicht von ABN-Amro-Stratege Kreckel entscheidend, ob eine Aktie von Lohnkostensenkungen profitiert: Zum einen muss das Unternehmen aus einer arbeitsintensiven Branche kommen. Je mehr Arbeitskräfte beschäftigt werden, umso größer ist das Sparpotenzial. Zweitens sollte ein großer Anteil der Arbeitskräfte in deutschen Niederlassungen beschäftigt sein. Und zu guter Letzt sollte das Unternehmen bislang nur einen geringen Gewinn erwirtschaften. Dabei kommt es gerade auf die Ebitda-Marge an (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen), weil sich so die Auswirkungen niedrigerer Lohnkosten auf den Gewinn besonders gut darstellen lassen.

Diesem Modell entsprechend hat die Aktie des angeschlagenen Kaufhausriesen Karstadt-Quelle in diesem Jahr das größte Potenzial. Bislang erwartet der Konzern eine Ebitda-Marge für das laufende Jahr von vier Prozent. Sollte es gelingen, den Personalkostenblock um 20 Prozent zu senken, dann könnte sich die Ebitda-Marge beinahe verdoppeln. Bei Personalkostensenkungen von zehn Prozent würde das Ebitda immerhin noch um 49 Prozent steigen, bei fünf Prozent weniger Lohnkosten um 24 Prozent. Ähnlich positiv sehen die Konsequenzen für die Industrieunternehmen Klöckner, Pfleiderer, Koenig & Bauer, R.Stahl und den Personaldienstleister DIS aus.

Dass viele Investoren das Potenzial fallender Lohnkosten auf den Aktienmarkt noch nicht erkannt haben, liegt nach Ansicht von Lars Kreckel daran, dass die Unternehmen bei den Gesprächen penibel darauf achten, nur wenig über Inhalt und mögliche Auswirkungen während der Verhandlungen nach außen dringen zu lassen. Dennoch ist schon jetzt klar, dass in diesem Jahr etliches zu erwarten sein dürfte: Bei einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (IHK) im Herbst unter rund 20 000 Mitgliedsbetrieben antworteten rund 40 Prozent, dass eine höhere Arbeitszeit ohne finanzielle Kompensation zur Unternehmensstrategie gehört. Etliche davon sind börsennotiert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%