Kurssturz
Aktionäre bekommen kalte Füße

Der jüngste Kurssturz hat die Anleger stark verunsichert. Erste Analysten warnen vor Crash-Gefahren.

NEW YORK. An das Frühjahr 1994 denken die Aktienhändler an der Wall Street nur ungern zurück. Der Dow-Jones-Index verlor damals bis Ende März fast neun Prozent seines Wertes. Gail Dudack, Marktanalystin beim Investmenthaus S.G. Warburg, brach ihren Urlaub in Florida ab, weil sie auf dem Börsenparkett „Anzeichen von Panik“ ausgemacht hatte. Der Dow-Jones-Index ging für den Rest des Jahres auf eine Achterbahnfahrt.

Marktstrategen halten auch in den nächsten Monaten ein Kurs-Jojo für denkbar. Befinden sich die Aktienmärkte doch in einer ähnlich anfälligen Verfassung wie vor zwölf Jahren. Damals wie heute brummt zwar der Konjunkturmotor in den USA auf Hochtouren. An den Märkten grassiert jedoch wiederum die Angst, die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) könnte den Aufschwung aus Furcht vor einem Preisschub mit überzogenen Zinssteigerungen abwürgen. „Wenn das Fieber erst einmal ausgebrochen ist, kommt es meist zu schlimmen Ausverkäufen“, kommentiert Ed Yardeni, Investmentstratege bei Oak Associates, den jüngsten Kursrutsch.

Technische Analysten suchen bereits Zuflucht zu noch größeren historischen Katastrophen und sprechen vom „Hindenburg-Omen“ an den Aktienmärkten. Das nach dem vor 69 Jahren in Lakehurst in New Jersey abgestürzten deutschen Luftschiff benannte Phänomen beschreibt eine Situation, in der ungewöhnlich viele Aktien entweder Höchst- oder Tiefststände erreichen. Die Experten sehen darin die Vorboten eines nahenden Desasters. „Dieser Markt verhält sich wie vor einem Crash“, sagte Frank Husic, Chefstratege der gleichnamigen Investmentfirma in San Francisco, der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Auch wenn es nicht zu solchen Schreckensszenarien kommt, müssen sich die Investoren auf eine Zeit größerer Kursschwankungen einstellen. So ist der Volatilitätsindex für den Aktienoptionshandel in Chicago in diesem Monat kräftig angestiegen. Grund dafür ist das Zusammentreffen von drei ökonomischen Trends. Zum einen befindet sich die amerikanische Geldpolitik an einem Wendepunkt. Nach 16 Zinserhöhungen in Folge haben die Leitzinsen mit jetzt fünf Prozent nach Meinung vieler Ökonomen ein konjunkturneutrales Niveau erreicht. Weitere Zinserhöhungen würden die Konjunktur also schwächen. Der Kurs des neuen Fed-Chefs Ben Bernanke ist noch unklar.

Einer Wendemarke nähert sich auch die US-Wirtschaft. „Viele Zeichen deuten darauf hin, dass sich das Wirtschaftswachstum in den nächsten Monaten spürbar abschwächen wird“, sagt Goldman-Sachs-Volkswirt Jan Hatzius mit Blick auf die hohen Energiepreise und das Ende des Immobilienbooms. Nach einem Plus von fast fünf Prozent im ersten Quartal hält er einen Rückgang auf zwei Prozent durchaus für möglich.

Diese beiden Faktoren würden allein schon ausreichen, um die Börsianer zu verunsichern. Hinzu kommt jedoch, dass ausgerechnet in dieser prekären Situation die globalen Ungleichgewichte in Bewegung kommen, die seit Jahren die amerikanische Wirtschaft in einer gefährlichen Schieflage halten. So hat der Dollar deutlich an Wert verloren – nicht zuletzt auf Grund des enormen Leistungsbilanzdefizits der USA.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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