Kurssturz
Gül-Kandidatur verunsichert die türkische Börse

Die Bewerbung des türkischen Außenministers Abdullah Gül für das Amt des Staatspräsidenten belastet die Istanbuler Finanzmärkte. Die türkische Lira fiel am Donnerstag auf ein Sechsmonatstief, der Leitindex ISE National 100 brach um mehr als fünf Prozent ein – der tiefste Kurssturz seit 14 Monaten. Für die Börse am Bosporus kommen die Spannungen zur Unzeit.

ISTANBUL. Abdullah Gül, türkischer Außenminister, lächelt. Er freut sich sichtlich auf sein künftiges Amt als Staatsoberhaupt. Aber die Stimmung an den Istanbuler Finanzmärkten hebt das nicht: die Lira fiel gestern auf ein Sechsmonatstief, der Leitindex ISE National 100 brach um mehr als fünf Prozent ein – der tiefste Kurssturz seit 14 Monaten. „Die türkische Börse reagiert auf die Turbulenzen an den globalen Finanzmärkten“, sagt Orhan Veli Canli, Wertpapierhändler beim Istanbuler Brokerhaus Is Invest. Aber zum Teil ist der Kurssturz hausgemacht: Güls Bewerbung um das höchste Staatsamt verunsichert die Börsianer.

Lächeln ist Güls Markenzeichen. Damit hat er schon viele diplomatische Krisen auf dem europäischen Parkett überspielt. Jetzt lächelt Gül, um für seine Präsidentschaftskandidatur zu werben: ein „Staatsoberhaupt aller Türken“ wolle er sein, die in der Verfassung verankerte Trennung von Staat und Religion verteidigen und die Vision des Republikgründers Atatürk verwirklichen. Doch das nehmen ihm die Kemalisten und die Militärs nicht ab. Sie sehen in Gül nur den verkappten Fundamentalisten, der insgeheim an der islamischen Unterwanderung der Türkei arbeitet. Deshalb könnte mit Güls Kandidatur dem Land eine Neuauflage der schweren innenpolitischen Krise vom Frühjahr drohen.

Für die Börse am Bosporus kommen die neuerlichen Spannungen zur Unzeit. Die Subprime-Krise hat in Istanbul, wie auf allen Schwellenmärkten, tiefe Spuren hinterlassen. Weil die Türkei in der vergangenen Monaten ein beliebter Markt für „Carry Trades“ war, ist sie nun, wie schon bei der Schwellenmarkt-Krise vom Frühjahr 2006, vom Liquiditätsabfluss besonders stark betroffen. „Mit Güls Kandidatur hat sich das Krisenrisiko erhöht“, fürchtet Wolfango Piccoli, Analyst beim Londoner Think Tank Eurasia Group.

Die Märkte beunruhigt weniger die Sorge vor einer Islamisierung. Gül hat sich in seiner viereinhalbjährigen Amtszeit als Außenminister als weltoffener, besonnener und gemäßigter Politiker erwiesen, der im Ausland großes Ansehen genießt. Auch führende Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften kommentierten Güls Kandidatur keineswegs ablehnend. Die große Unbekannte ist die Armee: Noch im April hatten die Generäle auf Güls Kandidatur mit einer indirekten Putschdrohung reagiert. Jetzt hüllt sich der Generalstab in Schweigen. Mit einem Staatsstreich rechnet zwar kaum jemand. Die Märkte beunruhigt aber die Aussicht, dass der schwelende Konflikt zwischen Armee und neuem Präsidenten möglicherweise auf Monate oder gar Jahre hinaus die politische Agenda dominiert und wichtige wirtschaftliche Strukturreformen verzögert.

Dabei müsste Güls Nominierung die Märkte eigentlich aufmuntern. Erstmals bewirbt sich ein promovierter Volkswirt und profilierter Reformer um das höchste Staatsamt. Als Präsident wolle er den EU-Kurs konsequent unterstützen, versichert Gül – die Beitrittsperspektive ist ein wichtiger Anker für die Türkei. Überdies sind die makroökonomischen Rahmenbedingungen hervorragend. Die Türkei erlebt seit 2002, als Güls Partei die Regierung übernahm, den steilsten und nachhaltigsten Konjunkturaufschwung ihrer jüngeren Geschichte. Um durchschnittlich 7,5 Prozent pro Jahr wächst die Wirtschaft. Der Aktienindex hat sich seit 2002 verfünffacht. Trotzdem ist der Markt mit einem durchschnittlichen KGV (2008) von etwa zehn noch günstig bewertet. Tendenziell sinkende Zinsen machen vor allem Finanztitel und Konsumgüteraktien interessant, auch die Baubranche dürfte profitieren.

Die meisten Analysten glauben denn auch, dass der langfristige Aufwärtstrend intakt ist. Serhan Cevik, Türkei-Chefvolkswirt bei Morgan Stanley, verweist auf die „Stärke der ökonomischen Fundamentaldaten“ und meint, Güls Präsidentschaft sei „keine Bedrohung“ sondern „eine Phase der Normalisierung“ für die Türkei und „eine Chance, die Modernisierung der Institutionen zu beschleunigen“.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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