Langfristperspektive
Der Blick aufs große Ganze

Die Vermögensverwalter entdecken den langen Atem: In der Branche findet ein Umdenken statt, eine Abkehr vom Quartalsdenken. Aus Megtrends wie der Verstädterung und dem Aufstieg der Schwellenländer versuchen die Vermögensverwalter mit Langfristperspektive Anlagestrategien zu entwickeln. Wo sich ein langer Atem für Investoren auszahlt.

FRANKFURT. Markus Stadlmann kann man getrost als Trendsetter bezeichnen. Er ist Österreicher, 40 Jahre alt, hat schon viele Preise eingeheimst und steht als Investmentchef in Diensten der liechtensteinischen Verwaltungs- und Privatbank AG (VP-Bank). Markus Stadlmann kümmern weder Subprime-Krise noch Querelen bei VW oder Absatzzahlen von Daimler. Er denkt nicht in Quartalen, sondern in Dekaden. Er steht für ein Umdenken in der Branche: Die Vermögensverwalter entdecken den langen Atem.

Investmentstratege Stadlmann sagt daher, was reiche Kunden nicht gerade hören möchten: „In den kommenden zehn Jahren erwarten wir an den Aktien- und Anleihemärkten unterdurchschnittliche Jahreserträge.“ Und die Prognose einer der großen unter den insgesamt 16 liechtensteinischen Banken wäre bestenfalls eine Randnotiz wert, gibt doch in den letzten Wochen des Jahres nahezu jede Bank ihre Sicht auf die künftige Entwicklung der Märkte ab. Aber nur der Anlagechef der VP-Bank wagt es, gleich zehn Jahre nach vorne zu schauen. Der Grund dafür ist denkbar einfach: „Unsere Kunden haben in der Regel einen Anlagehorizont von sieben bis zehn Jahren“, sagt der groß gewachsene „Chief Investment Officer“ in unverkennbar österreichischem Unterton. Das erfordere eine übergeordnete Gesamtstrategie für diesen Zeitraum.

Der Geldverwalter hat sich langsam auf die lange Distanz vorgetastet. Zunächst startete er mit Dreijahresprognosen. Das war Ende der 90er Jahre, als die gesamte Finanzwelt vom Überschwang der New Economy euphorisiert war. Und weil er damit richtig lag, dass es zu einer heftigen Korrektur kommen dürfte, steigerte er sich auf fünf, sieben und schließlich auf zehn Jahre.

Dass ein langfristiger Strategieansatz sinnvoll ist, darüber sind sich Fondsmanager und Vermögensverwalter zwar seit langem einig, die Schuld an der mangelnden Umsetzbarkeit geben sie jedoch weiter. Sie vermissen das Langfristdenken bei den Unternehmen, die Aktien und Anleihen ausgeben. „Viele in der Branche sind immer sehr froh, wenn eine Familie oder ein langfristiger Investor hinter einem Unternehmen steht“, plaudert Karl Fickel von der Fondsgesellschaft Lupus Alpha aus dem Nähkästchen. Denn diese hätten noch eine Langfriststrategie. In einer bis dato einmaligen Aktion hat sich erstmals Anfang dieses Jahres der Analysten-Branchenverband CFA mit seinen weltweit 86 000 Mitgliedern für eine Abkehr vom ausufernden Quartalsdenken stark gemacht.

Trotz der wohl nie zu klärenden Frage, wer hier wen zum leidigen Kurzfristdenken treibt, denken zumindest immer mehr Vermögensverwalter um. Als erstes namhaftes Institut hat im Frühsommer die Commerzbank-Tochter Cominvest ein Dax-Ziel von 10 000 Punkten in zwei Jahren ausgerufen. Der konjunkturelle Gesamtausblick stand dabei als Gradmesser weit über den Quartalsergebnissen einzelner Unternehmen.

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