Lateinamerika und die Finanzkrise
Anleger kehren Caracas den Rücken

Seit die Regierung den Telekomkonzern CanTV und Stromkonzern EDC verstaatlicht hat, verlor die Börse in Caracs auf einen Schlag rund ein Drittel ihrer Kapitalisierung. Weitere Aktien könnten bald auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit folgen. Und auch an anderen Börsen in Lateinamerika hinterlässt die Finanzkrise ihre Spuren.

SAO PAULO. An der Börse in Caracas ist es still geworden. Nur noch ein paar Makler verlieren sich auf dem Parkett in dem viel zu großen Bürokomplex im noblen Stadtteil El Rosal. Im Juli lagen die Tagesumsätze unter einer Million Dollar.

Seit die Regierung den Telekomkonzern CanTV und Stromkonzern EDC verstaatlicht hat, verlor die Börse auf einen Schlag rund ein Drittel ihrer Kapitalisierung. Weitere Aktien könnten bald auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit folgen. Präsident Hugo Chávez hat im August bereits den kolumbianischen Zementkonzern Cementos Andinos verstaatlicht und machte in einer TV-Ansprache deutlich, dass er ab sofort die venezolanische Tochter des mexikanischen Zementkonzerns Cemex auf dem Kieker habe. Die Cemex-Filiale ist ebenfalls in Caracas börsennotiert.

Die Investoren schreckt zudem ab, dass die Regierung die Finanzmärkte immer stärker kontrolliert. Die Marktturbulenzen im Norden haben der Börse den Rest gegeben. Seit Januar hat der Aktienmarkt in Caracas 38 Prozent verloren; dabei wies er in den letzten Jahren oftmals mit die höchsten Indexgewinne in Lateinamerika auf. „Die Börse Caracas ist heute völlig irrelevant geworden für die Wirtschaft des Landes“, sagt Miguel Octavio vom Finanzdienstleister BBO.

Doch nicht nur in Caracas haben die Turbulenzen den Abwärtstrend noch verschärft. Auch in Buenos Aires ist die Börse nur ein Schatten ihrer selbst. Seit Mitte Juli verlor der Merval zeitweise 20 Prozent seines Wertes. „Wegen des geringen Handelsvolumens zögern die Unternehmen, ihre Aktien in Buenos Aires zu listen“, sagt Martín Barbafina von Pricewaterhouse Coopers. Aufgrund des harten Konfrontationskurses der Regierung gegenüber ausländischen Konzernen und wegen der unsicheren Aussichten für die Wirtschaft, weichen Investoren lieber auf andere Börsenplätze aus. Das gilt auch für die Unternehmen selbst.

Banco Patagonia wagte im Juli den Gang an die Börse, brachte aber nur einen geringen Teil des Kapitals an den Handelsplatz in Buenos Aires. Dort hofft das Institut auf Investitionen lokaler Pensionsfonds. Den Großteil der Aktien verkaufte es in São Paulo und New York. Weitere argentinische Unternehmen, wie der Agrokonzern Campos Verdes, planen den Börsengang sogar ausschließlich in Brasilien.

Es sieht so aus, als würden die Aktienmärkte in Venezuela und Argentinien noch längere Zeit von Unternehmen wie Investoren gemieden werden: „Venezuela, Argentinien und Kolumbien sind wegen ihrer eigenen Wirtschaftspolitik schlecht auf eine mögliche Abkühlung der Weltwirtschaft vorbereitet“, meint Alfredo Coutinho, Chefökonom von Moody’s für Lateinamerika. „Von einer möglichen globalen Wachstumsverlangsamung wären Brasilien, Mexiko, Chile und Peru weit weniger betroffen.“

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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