Märkte
Aktien: Warum die Kurse nicht stärker steigen

Eigentlich müssten die Aktienkurse steigen. Noch sehr viel höher als in den vergangenen Wochen. Zumindest, wenn man die Firmenanteilsscheine nach ihren wichtigsten Kennzahlen beurteilt und historische Maßstäbe anlegt. Dennoch belegen Anleger Aktien mit riesigen Bewertungsabschlägen.

DÜSSELDORF. "Die Mehrheit spekuliert darauf, dass die Unternehmen über einen langen Zeitraum nicht mehr ihre gewohnten Margen erreichen", sagt Andreas Hürkamp von der Commerzbank.

Geht die pessimistische und keineswegs abwegige Wette auf, dann sind Aktien derzeit weder unterbewertet noch billig. Vielmehr signalisieren die scheinbar günstigen Kennzahlen eine Gezeitenwende: Zwar mündet auch dieser Abschwung - so wie immer - in einen Aufschwung. Aber der Aufschwung bleibt lange Zeit schwach, weil sich die Staaten hoch verschulden und deshalb ihre Bürger und Unternehmen voraussichtlich mit Steuererhöhungen stark zur Kasse bitten werden. Das lähmt Konsum und Investitionen.

Die Folge: Die Unternehmen werden lange Zeit nicht mehr ihre früheren Wachstumszahlen erreichen. Das gilt selbst dann, wenn sich die Wirtschaft nach den dramatischen Auftragseinbrüchen der Industrie bereits ab dem zweiten Halbjahr 2009 erholen und anschließend sogar geringfügig stärker wachsen sollte als in den Jahren 2003 bis 2007. Sogar in solch einem außerordentlich optimistischen Szenario würde die deutsche Industrieproduktion nach einer Studie der Hamburger Privatbank M.M. Warburg erst 2014 wieder das Niveau von 2007 erreichen. Ebenso lange dauert es, bis die Unternehmen wieder so viel verdienen wie im Rekordjahr 2007 - ohne Berücksichtigung der Inflation.

Vor diesem Hintergrund verblassen scheinbar einmalig günstige Kaufgelegenheiten: Bei 23 der 110 größten deutschen börsennotierten Unternehmen erzielen Anleger in diesem Jahr eine Dividendenrendite von fünf oder mehr Prozent. Ursache sind unverändert üppige Ausschüttungen in diesem Frühjahr bei gleichzeitig eingebrochenen Kursen. Normalerweise erreicht allenfalls eine Handvoll der im Dax, MDax und TecDax notierten Firmen solch hohe Renditen. "Der Markt spiegelt damit wider, dass die Firmen künftig nicht mehr so viel zahlen können", sagt Hürkamp. Realistisch erscheint solch ein Negativszenario vor allem mit Blick auf viele deutsche Industrieunternehmen. Ihnen brechen die Aufträge so stark weg, dass selbst eine leichte Belebung nicht sofort in die Gewinnzone führt.

Historisch selten ist auch das hohe Eigenkapital bei vielen Firmen, gemessen an ihrem niedrigen Aktienkurs, obwohl die Börsen in den vergangenen zwei Monaten gut 35 Prozent zugelegt haben. Ein Drittel der 110 größten deutschen Firmen kostet derzeit weniger, als es zuletzt in der Bilanz an Eigenkapital ausgewiesen hat. Das ergibt sich aus der Summe der Vermögensgegenstände abzüglich der Verbindlichkeiten. Einzelne Konzerne wie Commerzbank und Continental sind sogar für die Hälfte ihres Eigenkapitals zu haben.

Die 50 mittelgroßen Unternehmen im MDax - meist klassische Industriekonzerne - kosten sogar in der Summe nur 90 Prozent ihres gesamten Eigenkapitals. Eine solche Konstellation gab es noch nie. Das Problem: Das Eigenkapital sinkt, sobald sich das Vermögen aufgrund von Abschreibungen oder Verlusten verringert. Obendrein sind viele Vermögensgegenstände wie Maschinenparks in der Krise unverkäuflich - und damit zumindest vorübergehend ohne Wert. Ein besonders niedriges Verhältnis zwischen Eigenkapital und Börsenkurs spiegelt also keineswegs nur günstige Kurse wider. Es drückt vielmehr die Angst vor weiteren Abschreibungen und Verlusten aus.

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