Märkte am Scheideweg
Strategen trauen Aktien mehr als Bonds

Meist schlägt die Stunde entweder Aktien oder Anleihen. Doch derzeit ticken die Uhren anders. Die Regel, wonach die Kurse beider Wertpapierarten sich entgegengesetzt entwickeln, scheint in diesen nervösen Börsenzeiten außer Kraft gesetzt: In den vergangenen Wochen stiegen Aktien und Anleihen.

FRANKFURT/M. Und Strategen beider Fraktionen räumen jeweils „ihren“ Titeln gute Aussichten ein: Die einen hoffen dank guter Frühindikatoren auf eine Konjunkturerholung in den USA und setzen darauf, dass das SPD-Reformpaket „Agenda 2010“ das Ende des Reformstaus in Euroland einläutet. Die anderen sehen die Gefahr einer Deflation in Deutschland nicht gebannt und wollen in puncto Reformen nach den Worten Taten sehen. Wie sollen Anleger in dieser Gemengelage ihr Depot ausrichten?

Dass sich Anhänger von Aktien und Anleihen durch die wirtschaftliche und politische Lage gleichermaßen bestärkt sehen und eine Art Glaubenskrieg führen, zeigt nach Ansicht von Bankstrategen, dass sie am Scheideweg stehen.

„Es wird bald etwas passieren“, meint Silke Tummescheit, Aktienstrategin bei der Commerzbank. Wie viele Bankexperten rät sie derzeit zu einer neutralen Gewichtung von Aktien. Nach der jüngsten Kurserholung hat sie die Aktienquote zu Gunsten von Liquidität reduziert. Einem Anleger mit mittlerer Risikoneigung empfiehlt sie daher, jeweils zu 40 % Aktien und Bonds im Depot zu halten und den Rest auf Immobilien sowie Bargeld aufzuteilen. Mit diesem Liquiditätspuffer könnten Anleger flexibel reagieren. Wenn Europas Politiker ihren Worten tatsächlich Reformen folgen ließen, könnten sich die günstigen Aktien rasch erholen, meint sie. „Die Firmen haben ihre Hausaufgaben gemacht – über die Hälfte hat positive Quartalszahlen vorgelegt.“ Falls es in Deutschland doch eine Deflation geben sollte, könnten Anleger ihr Rentenportfolio weiter aufstocken.

Auch Frank-Peter Martin, als Partner zuständig für das Asset Management bei Metzler, rät derzeit zu einer neutralen Aktiengewichtung in einem gemischten Portfolio. Allerdings hält er das Ende des Baisse-Zyklus für nahe und hat für einen längerfristig ausgerichteten Anleger den Aktienanteil auf 50 % hochgefahren. In Euroland seien Aktien günstig bewertet, begründet er seine Strategie. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) sei von 26 auf 12,6 gesunken, die realen Renditen auf Basis der Gewinnerwartungen für 2003 und 2004 von 3,8 % auf gut 7 % gestiegen. Demgegenüber würfen Staatsanleihen im Mittel nur real 2,2 % ab. Zudem verweist Martin auf historisch hohe Dividendenrenditen.

An der Börse regiere zwar noch immer die Angst. Das könne man daran erkennen, dass Anleger bei jedem kleinen Kursrutsch nervös verkauften. „Aber je länger der Dax zwischen 2800 und 3200 bleibt, umso wahrscheinlicher wird es, dass fundamentale Faktoren die Oberhand gewinnen“, sagt der Metzler-Stratege. Auch das SPD-Reform-Paket „Agenda 2010“ wertet er als Hoffnungsschimmer: „Es zu wenig, zu langsam, aber es passiert was.“ Die Gefahr einer Deflation, also eines massiven Rückgangs von Preisen und Wirtschaftsleistung, könnten Zentralbanken über eine expansive Geldpolitik bannen, weist er die Anleihefraktion zurück. In Euroland – außer in Deutschland – steige ferner die Kreditnachfrage. „Wir haben allerhöchstens ein disinflationäres, aber kein deflationäres Umfeld“, sagt Martin.

Matthew Merritt von Citigroup Smith Barney stützt die Ansicht, dass die Zentralbanken Deflationsrisiken eindämmten, indem sie Leitzinsen länger als in früheren Wirtschaftszyklen niedrig hielten. Das könnte besonders Wachstumsaktien stützen, erklärt er. Auch Michael Hartnett von Merrill Lynch bescheinigt Euroland zwar Deflationsgefahr und Reformstau. Doch sieht er für die kommenden Jahre gute Aussichten für Aktien führender europäischer Firmen, die umstrukturiert hätten, international produzierten und Produkte mit preisunsensibler Nachfrage anböten.

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