Märkte haben ein hohes Maß an Terrorgefahr „verinnerlicht“
Terrorgefahr beeindruckt die Märkte

Der Dax steigt und steigt, doch die Hälfte aller Anleger sieht die Aktienkurse dauerhaft beeinträchtigt.

DÜSSELDORF. Nur einen Tag hatten die Aktienmärkte gebraucht, um sich von den Terroranschlägen in London am 7. Juli zu erholen. Inzwischen scheinen die Attentate vergessen. Der Deutsche Aktienindex (Dax) notiert auf dem höchsten Stand seit drei Jahren und strebt der Marke von 5 000 Punkten zu. Dieser Rally zum Trotz glaubt jeder zweite deutsche Anleger (49 Prozent), dass der internationale Terror dauerhaft die Märkte beeinträchtigt. Das ist das Ergebnis der monatlichen Anlegerumfrage des Handelsblatts und des Bankhauses Trinkaus & Burkhardt.

Die große Sensibilität deutscher Anleger gegenüber der weltweiten Terrorgefahr passt sehr wohl zu den steigenden Aktienkursen in den vergangenen Monaten. Seit Anfang Mai legte der Dax 17 Prozent zu. „Anleger sind keinesfalls sorglos“, sagt Gottfried Heller, Chef der Fiduka-Depotverwaltung in München. „Die Börse kommt aber nur dann aus dem Tritt, wenn etwas eintritt, womit sie nicht rechnet. Die Terrorgefahr sehen Anleger, und sie wissen, dass es immer wieder passieren kann und wird“, sagt Heller. Der langjährige Partner des verstorbenen Börsenaltmeisters André Kostolany ist sich sicher, dass die Märkte ein hohes Maß an Terrorgefahr „verinnerlicht“ bzw. „eingearbeitet“ haben. Die Aktien werden also permanent mit einem Abschlag gehandelt, weil jederzeit an jedem Ort ein Attentat möglich ist. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die Kurse nicht einbrechen, wenn es tatsächlich zu einem Anschlag kommt.

Die extrem niedrige Bewertung von Aktien aus terrorsensiblen Branchen wie Luftfahrt, Touristik und Versicherungen macht dieses Phänomen sichtbar. So kostet die Allianz-Aktie derzeit das Zehnfache des erwarteten Jahresgewinns pro Anteilsschein. So günstig gab es das Papier noch nie.

In diese Sichtweise passt, dass das französische Investmenthaus Société Générale deshalb die zeitlich begrenzten Kursrückgänge bei Versicherungsaktien nach den Anschlägen in London als ungerechtfertigt bezeichnete. Viele Investoren haben „überreagiert und eher wahllos Aktien von Versicherern und Rückversicherern verkauft“, urteilte Analyst Eric Vanpoucke.

Anleger sehen also durch den Terror zwar eine Belastung der Börse – eine Belastung aber im Sinne der ständigen Sorge, eines erhöhten Risikobewusstseins und damit eines permanenten Bewertungsabschlags. Würde sich der Terror hingegen auf einzelne Staaten konzentrieren, dann würden nahezu drei Viertel der Anleger (72 Prozent) auf ein Investment in diesen Ländern verzichten. Denn nur ein Drittel der 1 000 Befragten traut den Fondsmanagern vor Ort zu, in Krisensituationen Kursstürze durch entsprechendes Management zu dämpfen. Vor allem ältere und männliche Anleger hegen sehr wenig Vertrauen in den Einfluss der Fondsmanager.

Vieles spricht dafür, dass auch künftige Terroranschläge mit ähnlich dramatischen Ausmaßen wie in London oder in Madrid – am 11. März 2004 starben 191 Menschen, als in vier Vorortzügen Bomben explodierten – die Börsen kaum in Mitleidenschaft ziehen werden. Denn schon unmittelbar nach den Attentaten in der britischen Hauptstadt reagierten viele Banken, wie etwa die Deutsche Bank, kursstützend, indem die Zentralen ihre Filialen vor „übereilten Anlageentscheidungen“ warnten.

Anders dürften die Reaktionen indes ausfallen, wenn der Terror in die USA und damit in das Land der Leitbörse zurückkehren sollte. Wie viele andere Experten geht auch Citigroup-Analyst Tobias Levkovich davon aus, dass die Börsen sehr wohl empfindlich reagieren werden, wenn etwas innerhalb der USA passiert – weniger sensibel sind die Aktienmärkte hingegen bei Ereignissen in anderen Erdteilen.

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