Manche Werte haben ihren Wert verdreifacht
Internet-Aktien sind wieder in Mode

Analysten sehen zwar erste Anzeichen einer Überhitzung, bewerten den Sektor aber grundsätzlich positiv.

DÜSSELDORF. Internet ist in – das gilt auch für die Börse. Drei Jahre nach Platzen der Blase am Neuen Markt kommen die Kurse der Online-Unternehmen wieder auf Touren. Aktien wie die von United Internet und Web.de haben ihren Wert binnen eines Jahres mehr als verdreifacht und auch Branchenprimus T-Online ist heute an der Börse fast doppelt so viel wert wie zu Beginn des Jahres.

„Die aktuelle Situation erinnert ein wenig an die Boomzeiten des Neuen Marktes. Die Anleger preisen bereits wieder die Zukunftschancen der Unternehmen ein“, sagt Marcus Sander, Analyst beim Bankhaus Sal. Oppenheim. Generell gelte für alle deutschen Internet-Aktien, dass sie nicht mehr billig sind. Insgesamt bewertet Sander das Marktumfeld aber weiter als positiv, vor allem weil die Nutzerzahlen im Internet stetig steigen. Mehr als die Hälfte der erwachsenen Deutschen ist Studien zufolge online.

Die Internet-Unternehmen erreichen mit ihren Produkten heute einen deutlich größeren Kundenstamm als vor drei Jahren. Und noch einen wichtigen Unterschied gibt es zu den Boom-Zeiten: Die führenden Anbieter der Branche verdienen inzwischen Geld. So wie United Internet: Im ersten Halbjahr hat das Unternehmen vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) 38 Mill. Euro verdient. Nach Steuern blieb immerhin noch ein Nettogewinn von 15,8 Mill. Euro übrig. Und auch der Umsatz stieg um 35 % auf 197,7 Mill. Euro. Grund genug für Vorstandschef Ralph Dommermuth, die Umsatzprognose für das Gesamtjahr auf 415 von 402 Mill. Euro zu erhöhen.

Oppenheim-Analyst Sander bewertet United Internet mit „neutral“, weil die Aktie aktuell „fair bewertet ist“. Grundsätzlich sieht er für das Montabaurer Unternehmen aber sehr gute Chancen. Dieses profitiere sehr stark von seinen Mehrwertdiensten wie Speicherung und Bereitstellung von Internetpräsenzen für kleine und mittlere Unternehmen. „Zwar hat United Internet auch im DSL-Geschäft eine gute Position, bei den Mehrwertdiensten lässt sich aber eine wesentlich höhere Marge erzielen“, sagt Sander. Positiv bewertet er auch das Vorhaben, in die USA und mittelfristig in weitere europäische Märkte zu expandieren.

Gute Erträge mit Mehrwertdiensten kann auch Web.de aufweisen. Mit dem Bezahlsystem WEB.Cent und dem Internet-Telefondienst Com.Win ist das Unternehmen auf diesem Gebiet gut vertreten. „Mit Bezahldiensten lassen sich gegenwärtig die höchsten Margen erzielen“, lobt Sander. Allerdings rät er von einem Kauf der Aktie derzeit ab, da „inzwischen sehr viel Phantasie“ in dem Kurs drin sei. Das extrem hohe Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von mehr als 200 auf Basis der erwarteten Gewinne spiegelt diese Einschätzung wider. In den vergangenen Wochen setzte sich diese Erkenntnis auch an der Börse durch: Web.de-Aktien fielen von ihrem Hoch bei 13,90 bis unter 11 Euro.

Für relativ teuer hält Sander auch die Aktie von T-Online. Das sieht Theo Kitz, Analyst beim Bankhaus Merck Finck & Co., anders: „T-Online verfügt in Deutschland über eine sehr gute Marktstellung, an der so bald niemand rütteln wird.“ Er rät weiterhin zum Kauf der Aktie. Durch die aggressive Vermarktung von Breitbandanschlüssen durch die Muttergesellschaft weise T-Online sehr hohe Wachstumsraten im Geschäft mit DSL-Zugängen auf.

Darüber hinaus habe das Unternehmen im Portal-Bereich etliche interessante Geschäftsmodelle entwickelt, die nur ein geringes Risiko hätten: „Wenn die Partner von T-Online das Portal mit den richtigen Inhalten füllen, profitiert der Konzern von den Umsätzen, wenn nicht, macht er das Portal einfach wieder zu“, sagt Kitz. Zuversichtlich stimmt ihn ferner, dass sich das Werbeumfeld im Internet zuletzt verbessert habe. Abwartend zeigt er sich hingegen für das Geschäft mit Online-Videos. Hier werde erst das Weihnachtsgeschäft zeigen, ob die Kunden das Angebot annähmen.

Von sich Reden machte zuletzt verstärkt auch die Mobilcom-Tochter Freenet. Seit Oktober vergangenen Jahres machte die Aktie einen Sprung von in der Spitze fast 1 700 Prozent. Grund war die Übernahme des Festnetzgeschäftes von der angeschlagenen Mutter. Damit werde Freenet in eine ganz neue Dimension vorrücken, hofften die Anleger. Auch Marcus Sander von Sal. Oppenheim hält Freenet für ein „gutes Unternehmen mit einem guten Management“. Allerdings seien die Erwartungen an das Wachstum der Festnetzsparte überzogen. Sander bezeichnet Freenet daher als „Underperformer“ und sieht den fairen Wert für die Aktie, die aktuell über 50 Euro notiert, bei lediglich 33 Euro.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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