Manches spricht derzeit eher für Anleihen als für Aktien
US-Anleger hecheln der Rally hinterher

Ihren Nobelpreis bekamen die US-Professoren Daniel Kahneman und Amos Tversky für die Erkenntnis: Der Mensch ist auch bei der Geldanlage ein Herdentier. Ihre psychologischen Experimente ergaben, dass vorübergehende Moden und Trends die Finanzmärkte stärker bestimmen als harte Fakten.

NEW YORK. Doch selbst die beiden Professoren dürften überrascht sein, wie gut ihre Theorien auf die Realität passen. Denn Amerikas Kleinanleger laufen derzeit der Börsenrally hinterher, als ob es morgen keine Aktien mehr zu kaufen gäbe.

Allein im Juli, dem aktuellsten Monat mit verfügbaren Daten, investierten die Privatanleger 19 Milliarden Dollar in US-Aktienfonds. Das ermittelte der Branchenverband Investment Company Institute. Die Nachfrage der Privaten kletterte damit auf den höchsten Stand seit März 2002 und erinnert fast schon an die Spekulationsblase der späten 90er-Jahre.

„Privatinvestoren sind Trendjäger, die in der Masse stets der aktuellen Richtung an den Finanzmärkten folgen“, sagt Dhaval Joshi, Anlagestratege der französischen Bank Société Générale in London. Ihn wundert es daher nicht, dass die US-Kleinanleger im Juli aus Anleihefonds zehn Milliarden Dollar abzogen. Das war der erste Rückfluss seit mehr als anderthalb Jahren und traf nicht zufällig zeitlich zusammen mit einem herben Absturz der Anleihekurse in den USA.

Die Daten zeigen: Viele US-Anleger, die sich nach der langen Börsenkrise von Aktien abgewendet hatten, kehren zurück. Sie scheinen damit mutiger zu sein als Europas Privatinvestoren, die sich laut vergleichbarer Statistiken noch zurückhalten. Auf dem Alten Kontinent sind die Wunden aus dem Crash des Neuen Marktes offenbar noch nicht verheilt.

Mancher Investor bereut bereits, dass er im vergangenen Jahr von Aktien auf Anleihen umstieg. Die hohen Zuflüsse in Rentenfonds haben sich für die Anleger bislang nicht ausgezahlt – im Gegenteil: Mancher, der sein Vermögen erst in der Aktienbaisse schrumpfen sah, musste zusehen, wie sich nun auch der Wert seines Anleiheportefeuilles reduzierte.

Zwar scheint die Rally an den US-Börsen in den vergangenen Tagen zu stocken. Dennoch erhöht der deutliche Aufwärtstrend seit März den psychologischen Druck auf viele Privatanleger, jetzt noch schnell einzusteigen. Allerdings lehren die Experimente der Nobelpreisträger Kahneman und Tversky auch, dass die hohe Kunst der Geldanlage gerade darin besteht, solchem Druck nicht immer nachzugeben und manchmal gegen den Strom zu schwimmen.

Ob Anleger jetzt ihr Glück mit Aktien probieren sollten, hängt laut Société-Générale-Stratege Joshi vom Anlagehorizont ab. „Auf kurze Sicht folgen die Börsen oft einem dominierenden Trend, dem man folgen sollte“, sagt er. Mittel- bis langfristig seien jedoch die grundlegenden Unternehmenskennzahlen wichtiger. Und hier sieht Joshi derzeit manches, was eher für Anleihen als für Aktien spricht.

„Die Erwartungen an die Unternehmen sind sehr hoch geschraubt, so dass die nächsten Quartalsberichte im Oktober zu einem harten Test werden“, sagt er. Die schlechte Lage am US-Arbeitsmarkt und die hohe Verschuldung der Verbraucher dürfte die Nachfrage bremsen. In einem solchen Umfeld erwartet auch die Investmentbank Merrill Lynch, dass Aktien unter Druck geraten könnten. Die relativ sicheren festverzinslichen Anleihen könnten indes profitieren.

Auch eine Betrachtung der Barquoten von US-Akien- und Anleihefonds spricht derzeit eher für Bonds. „Während Aktienfonds im Schnitt nur über geringe Barreserven verfügen, haben Anleihefonds selbst nach den jüngsten Abflüssen noch ein dickes Polster“, stellt Analystin Sarah Franks fest, die für Merrill Lynch Fondszu- und -abflüsse beobachtet. So liegt die durchschnittliche Barquote der US-Aktienfonds derzeit mit 4,3 Prozent deutlich unter dem langfristigen Mittel von knapp acht Prozent. „Offenbar wurde das frische Geld, das Privatanleger im Juli hereinbrachten, sofort in Aktien investiert“, kommentiert Franks.

Dagegen hatten Anleihefonds frische Zuflüsse in den vergangenen Monaten weitgehend als Cash-Bestände geparkt, weil sie offenbar einen Rückschlag an den Bondmärkten befürchteten. Als Privatanleger im Juli ihr Geld aus Anleihefonds abzogen, konnten die meisten Manager die Rückgaben aus überschüssigen Barmitteln finanzieren. „Kaum ein Fonds musste seine Anleihen verkaufen, und selbst bei weiteren Rückflüssen von 20 Milliarden Dollar sind die Cash-Bestände noch nicht leer“, sagt Franks.

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