Marc Faber im Interview
"Attraktiv ist relativ"

Eigentlich sind alle Vermögenswerte teuer geworden, meint Marc Faber, Querdenker mit Kultstatus in der Anleger-Szene. Seine Einschätzung der Lage gibt der Vermögensverwalter im Interview preis.

Marc Faber ist gebürtiger Schweizer, war schon mit 24 Jahren Doktor der Wirtschaftswissenschaften. Der Querdenker und Vermögensverwalter genießt dank seiner tief gehenden, langfristigen Analysen und oft unbequemen Ansichten Kultstatus unter internationalen Anlegern. Sein Markenzeichen: ein Zopf. Außerdem verfügt er über die weltweit größte Sammlung an Mao-Tse-tung-Büsten. Anfang der Siebzigerjahre zog es ihn nach Asien, wo er sich in Hongkong selbstständig machte. Der 60jährige lebt heute in Thailand, hat mehrere Bücher geschrieben und gibt einen viel beachteten Börsenbrief heraus.

Herr Faber, sind Querdenker, die gegen die Meinung der Massen Positionen eingehen, an der Börse auf Gewinne abonniert?

Das ist natürlich eine provokante Frage. Wer in der großen Hausse des letzten Jahrhunderts schon 1998 oder 1999 skeptisch war und keine Technologieaktien mehr kaufte, stand tatsächlich nicht gut da. Bis zum Platzen der Blase haben sich die Kurse ja noch einmal verdoppelt. Generell aber ist das Risiko einer antizyklischen Strategie geringer, weil man Dinge kauft, die vernachlässigt, weniger populär und daher eher preiswert sind.

Was heißt das in der aktuellen Situation?

Momentan steigen praktisch alle Vermögenswerte. Selbst Kunstwerke machen keine Ausnahme. Gerade wechselte ein Andy-Warhol-Bild für 72 Millionen Dollar den Besitzer.

Ist die Lage demnach gefährlich?

Die Notenbanken haben seit Jahren viel Liquidität ins internationale Finanzsystem gepumpt und damit die Kurse getrieben. Aktien, Rohstoffe und Immobilien sind hervorragend gelaufen.

Was heißt das für antizyklische Investoren?

Wenn man antizyklisch denken will, kann man heute vielleicht noch Dollar-Bankeinlagen oder kurzfristige US-Staatstitel halten. Das wird viele Leser vielleicht verwirren, und natürlich ist das sehr unpopulär. Aber relativ gesehen, das heißt in Fremdwährung, sind sogar US-Aktien recht preiswert. In Euro gemessen, liegt der Dow-Jones-Index noch mehr als ein Drittel unter seinem Hoch. Doch das ändert nichts am Gesamturteil: Grundsätzlich ist es eine gute Zeit, um Positionen zu verkaufen.

Wie passen denn diese Aussagen zusammen?

Was attraktiv aussieht, ist es höchstens noch in der relativen Betrachtung. Ich erkenne heute keine so klar unterbewerteten Vermögensgegenstände wie in früheren Zeiten. Ende der Siebzigerjahre konnte ich taiwanesische und südkoreanische Aktien billig kaufen, ab Anfang der Achtzigerjahre internationale Anleihen. Ende der Achtzigerjahre gab es während der Hyperinflation südamerikanische Werte sehr preiswert, 1993 konnte man in Russland einsteigen. Während der letzten Jahre waren Rohstoffe ein sehr gutes Geschäft. Solche Chancen erkenne ich heute kaum. In der ganz harten Lesart des konträren Ansatzes müsste man sogar sämtliche Vermögenswerte liquidieren.

Alles verkaufen – wer will das empfehlen?

Das geht natürlich nicht. Als Vermögensverwalter würden Sie dann kein Geschäft mehr machen und Ihre Kunden verlieren. Diese Branche lebt nicht von Anlegern mit Barbeständen. Jeder Anbieter will seine Produkte verkaufen.

Was ist Ihr Rat an den Anleger?

Gier ist oft sein größter Feind. Langfristig sind Aktienerträge von vier bis fünf Prozent nach Inflation realistisch. Und davon geht noch einiges ab. Einige Prozent Spesen pro Jahr belasten die langfristige Performance massiv. Der stärkere Handel in den Depots verschärft das Problem, denn das drückt über die steigenden Wertpapier-Transaktionskosten noch mehr auf die Rendite. Es ist heute sehr unbeliebt, ein Wertpapier über fünf Jahre oder länger zu halten. Die Chinesen bieten das Kontrastprogramm: Sie verkaufen ihre Aktien im Schnitt schon nach zwei Monaten wieder. Das Rein und Raus ist sehr teuer. Aber so ungeduldig sind die Anleger geworden.

Das Gespräch führte Ingo Narat.

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