Musterdepots
Deutsche Anleger sind besser als ihr Ruf

Die Deutschen sind Aktienmuffel und überlassen selbst heimische Bluechip-Aktien lieber ausländischen Anlegern. Handelsblatt-Redakteur Georgios Kokologiannis kennt diesen Dauervorwurf - und hält ihn für substanzlos.
  • 0

Es ist ein Börsenthema, das hierzulande regelmäßig als Aufreger dient: Die meisten Aktien der bedeutendsten deutschen börsengelisteten Unternehmen sind seit Jahren fest in ausländischer Hand – und daran scheint sich auch nichts zu ändern. Laut einer zum Wochenstart veröffentlichten Erhebung der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young) hielten Investoren aus dem Ausland zuletzt über 55 Prozent der Abteile an den dreißig Titeln aus dem deutschen Leitindex Dax.

Das nehmen Kritiker immer wieder gerne zum Anlass, um sich über den vermeintlich einfältigen deutschen Anleger zu echauffieren: Statt sich selbst mit Hilfe von Aktienengagements am Geschäftserfolg von Daimler, Beiersdorf und Co. zu beteiligen, überlasse dieser die heimischen Renditebringer nichtsahnend ausländischen Investoren. Doch dieser Dauervorwurf der Besserwisser entpuppt sich bei tiefergehender Betrachtung als substanzloses Gefasel. Vor allem aus drei Gründen.

Erstens: Selbstverständlich ist der Anteil internationaler Investoren an den größten heimischen Global-Playern höher als die Summe der Beteiligungen, die in den Depots hierzulande liegt. Schließlich gibt es weltweit insgesamt auch wesentlich mehr nicht-deutsche Investoren als Bundesbürger, die auf der Suche nach Rendite sind – und dabei einen (relativ betrachtet nur geringen) Teil ihres Vermögens auch in Dax-Werte stecken. Zur Orientierung: Nur rund sechs Prozent aller potenziellen Investoren aus den Industrieländern leben in Deutschland. Gemessen daran ist die deutsche Beteiligungsquote an den eigenen Standardaktien sogar weit überproportional.

Zweitens: Es ist das Gegenteil von irrational, wenn Aktien-Anleger möglichst breit gestreut – auch über die eigenen Landesgrenzen hinweg - investieren, statt aus emotionalen Gründen bevorzugt nur auf bekannte heimische Dividendentitel zu setzen. Konkret: Wenn sich die Deutschen bei der geographischen Diversifikation ihrer Aktien-Portfolios zum Beispiel an der Zusammensetzung des Weltleitindex MSCI World orientieren, dann dürfen heimische Titel nur rund 3,3 Prozent des Gesamtbestandes ausmachen.

Drittens: Fast zwei Drittel der Aktien im Dax liegen laut der EY-Studie bei institutionellen Anlegern. Dazu zählen nicht nur Banken, Versicherer und Pensionsfonds, sondern auch große Investmentfonds. Allen voran der US-Vermögensverwalter Blackrock, der mit seiner Marke iShares weltgrößter Anbieter von Indexfonds ist (Exchange Trades Funds, ETF). Erwirbt ein deutscher Anleger nun Anteile an einem Dax-ETF von iShares, dann wird das zur Verfügung gestellte Geld in den Börsenstatistiken offiziell als Ausländer-Investment verbucht – liegt doch der Geschäftssitz der Wall-Street-Firma nicht in Deutschland, sondern in Manhattan.

Kommentare zu " Musterdepots: Deutsche Anleger sind besser als ihr Ruf"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%