Musterdepots
„Die EZB gibt kein glückliches Bild ab“

Die Depotstrategen beschäftigen sich mit dem Thema, warum die Rally zum Jahresende bisher leider ausgeblieben ist. Sie finden die unterschiedlichsten Erklärungen für die derzeitige Börsenschwäche.

Düsseldorf Die von uns erhoffte Rally zum Jahresende ist bisher leider ausgeblieben, und aus markttechnischer Sicht sinken auch die Chancen, dass die Aktienmärkte in den nächsten Tagen zu einem finalen Schlussspurt ansetzen werden. Es ist nicht leicht, für die eher schwache Entwicklung der letzten Tage einen „Schuldigen“ zu finden. Der oft zitierte niedrige Ölpreis überzeugt uns nicht richtig. Prinzipiell müssten fallende Ölpreise für die Mehrheit der börsennotierten Unternehmen eher zu steigenden Gewinnen führen, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass arabische Staatsfonds im Moment eher Aktien verkaufen, um steigende Staatsdefizite aufgrund fallender Ölpreise zu kaschieren oder zu finanzieren.

Wenig hilfreich war zudem der Ausgang der Wahl in Spanien. Im schlimmsten Fall werden dort im nächsten Jahr Neuwahlen fällig, weil keine funktionsfähige Regierung gebildet werden kann. Auch die EZB sorgt derzeit eher für Verwirrung. Die bisherigen Aussagen zu den geheimen Wertpapierkäufen im Rahmen des Anfa-Programms lassen viele Fragen offen und stehen im Gegensatz zu dem, was die EZB von Geschäftsbanken einfordert, nämlich Transparenz und Nachvollziehbarkeit. All dies ändert aber nichts daran, dass Aktienmärkte nach wie vor vergleichsweise günstig bewertet sind und im Vergleich zu Anleihen deutlich attraktiver erscheinen.

Bei den sog. Anfa-Käufen (Anfa steht für „Agreement on net-financial assets) handelt es sich um Wertpapierkäufe, die nationale Notenbanken des EZB-Systems quasi auf eigene Rechnung und eigenes Risiko tätigen. Erst in den letzten Wochen ist der breiteren Öffentlichkeit der Umfang dieser Käufe bekannt geworden; Ende 2014 lag das Volumen bei über 720 Milliarden Euro, inzwischen könnte sich das Volumen der 800 Milliarden-Grenze nähern, wenn man die Wachstumsraten der letzten Jahre nach vorne interpoliert.

Das ist für sich genommen ein geradezu ungeheuerlicher Vorgang. Welchen Sinn kann es machen, wenn die Finanzwelt bei jeder Pressekonferenz an den Lippen von Mario Draghi hängt, um feinste Nuancen in der Veränderung der offiziellen EZB-Geldpolitik finanzmarkttechnisch einzuordnen, wenn gleichzeitig – sozusagen versteckt im Keller – ein geldpolitisches Programm von gewaltigen Dimensionen stattfindet, das aber unkommentiert und weitgehend unbekannt bleibt. Und es kommt noch extremer: Während das offizielle QE-Programm der EZB darauf bedacht ist, auf Proportionalität bei den Aufkäufen von Staatsanleihen zu achten, um nicht einen Markt stärker als andere zu begünstigen, gibt es genau diese Proportionalität unter dem Anfa-Programm nicht. Wie man es auch dreht und wendet: Die EZB gibt im Moment kein glückliches Bild ab.

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