Musterdepots
Rein oder nicht rein?

Mit der Entscheidung der EZB, die Märkte weiter mit Geld zu fluten, steigen die Kurse in Europa. An der Wall Street lockt Trump die Investoren aus der Reserve. Sönke Niefünd stellt die Frage, ob ein Einstieg noch lohnt.
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Die Entscheidung der EZB hat an den europäischen Aktien- und Anleihemärkten kräftige Bewegungen ausgelöst. Der Euro setzte erst zu einem Anstieg über 1,08 US-Dollar an, fiel dann aber deutlich zurück auf 1,065 US-Dollar.
Der EZB-Präsident Mario Draghi hat dafür gesorgt, dass es im Dax weiter aufwärts geht. Die EZB verlängert zwar ihr Anleihekaufprogramm um neun Monate, senkt aber das Volumen ab April 2017 auf 60 von 80 Milliarden Euro. Der Dax hat ein neues Jahreshoch erklommen und die amerikanischen Indizes dürften auch neue Allzeithochs erreichen.

Wenig Auswirkung dürften die wöchentlichen Daten zum US-Arbeitsmarkt haben, die etwas schwächer ausfielen als erwartet. Ein Thema bleibt weiterhin die Wirtschaftspolitik des designierten US-Präsidenten Donald Trump. Hier hatten zuletzt Pharmawerte Federn lassen müssen, weil Trump überraschend eine Senkung der Medikamentenpreise gefordert hat. Dagegen heben die geplanten Steuersenkungen, Deregulierungen und Haushaltsstimuli die Stimmung an den Aktienmärkten.

Wir fühlen uns mit der aktuellen Aktienquote wohl und sind nicht geneigt, noch auf diesem teuren Niveau dem Markt hinter zulaufen und in Aktien zu investieren.

Meinungsfreiheit auch an der Börse

Zu den wichtigsten Vorteilen unseres Anlageprozesses gehört die Meinungsfreiheit sowie der Ausschluss der Emotionen bei den Investmententscheidungen. In der Regel ist unser Musterdepot beinahe voll investiert: Zu 70 Prozent in Einzelaktien und zu 30 Prozent in ausgewählte Wikifolio-Zertifikate. Die Investitionsquote wird über ein Wertsicherungsmodell gesteuert, welches von uns diskretionär nicht „überstimmt“ werden darf. Im Fall eines Wertsicherungssignals wird die Liquiditätsquote im Aktienkernportfolio auf 50 Prozent erhöht.

Durch den Einsatz des Systems sollen die großen Vermögensverluste, wie zum Beispiel 2008 oder 2001 bis 2002 vermieden werden. Etwas höhere Volatilität gehört dabei zum Normalzustand und wird von uns als kein Risikomerkmal wahrgenommen, denn die Volatilität gehört zur Natur der Anlageklasse Aktien. Die Auswahl der Einzeltitel erfolgt aufgrund strikter fundamentaler Kriterien beziehungsweise eines Bewertungsmodells. Dies versetzt uns in eine komfortable Lage, in der wir keine explizite Meinung zum weiteren Verlauf der Börsen oder der Einzelaktien brauchen.

Wir wissen, dass die Aktien langfristig eine überragende Anlageklasse darstellen, die am Wachstum der realen Produktivkräfte partizipiert. Wir wissen auch, dass unterbewertete Titel mit einem vernünftigen Geschäftsmodell langfristig den breiten Markt schlagen. Und wir wissen, wie man effektive Bewertungsmodelle entwickelt. Dies zusammen bildet eine robuste Grundlage für unseren Anlageprozess.

In den Gewinnen liegt die Wahrheit

Wie angekündigt, nutze ich die meiner Einschätzung nach übertriebenen Kursgewinne am Aktienmarkt im Umfeld der EZB-Sitzung, um günstig den Bestand an Reverse-Bonuszertifikaten zu erhöhen (WKN: CD0EYZ). Damit setze ich auf ein Auslaufen der Dax-Hausse in den kommenden Monaten, wenn die geldpolitische Unterstützung mittelfristig nachlässt.

Selbst wenn die Gewinne der Dax-Firmen wie von Experten erwartet 2017 um acht bis zehn Prozent zulegen, rechtfertigt dies kein nachhaltig fünfstelliges Index-Niveau. Denn bereits seit mehr als sechs Jahren klafft eine extreme Lücke zwischen der Dax-Entwicklung und dem tatsächlichen Ertragswachstum der Unternehmen: Während etwa die aktuellen Erträge (Ebit) der Firmen verglichen mit 2010 im Mittel nur 23,8 Prozent gestiegen sind, haben Investoren den Index seitdem dreieinhalbmal stärker aufgeblasen.

Die nun aufgestockten Anlagepapiere legen bis kommenden Sommer um mindestens 19 Prozent zu, wenn der Dax-Hausse allmählich die Luft ausgeht – oder der Leitindex sogar deutlich zurückfällt. Nur falls der Dax bis Mitte Juni auf über 12.100 Punkte weiterklettert, können diese Zertifikate zu dauerhaften Verlustbringern werden. Allerdings trauen selbst die in der Regel eher optimistischen Banken dem Aktienindex bis Ende 2017 im Schnitt nur einen Anstieg auf 11.500 Punkte zu.

Die Beiträge stellen keine Anlageberatung dar, insbesondere geben sie keine Empfehlung zum Kauf der genannten Wertpapiere. Sie sollen einen Anreiz zum Nachdenken und zur Diskussion über Marktentwicklungen und Anlagestrategien geben.

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