Musterdepots
Strategien im Härtetest

Der schwarze Freitag nach dem Brexit kam für die Anleger überraschend. Herbe Verluste gab es vor allem bei Aktien und Währungen. Wie die Handelsblatt-Strategen den Crash in ihren Depots meistern.

Aus ökonomischer Sicht ist die Entscheidung der Briten für einen Austritt aus der EU vermutlich weniger bedeutsam als aus politischer Sicht. Wenn Großbritannien den Binnenmarkt verlässt und viele Firmensitze nach Dublin, Paris oder Frankfurt verlegt werden, ist das für das Vereinigte Königreich eine Belastung, die zwar spürbar, aber doch zu tragen sein wird.

Wir halten es sogar für möglich, dass sich Großbritannien mittelfristig als regulationsärmere und weniger bürokratische Alternative zur EU positionieren könnte, um verlorene Marktanteile zurückzugewinnen. Aus dieser Sicht gibt es somit keinen Grund, für die Zukunft Großbritanniens übermäßig skeptisch zu sein, auch wenn die nächsten Jahre zunächst eine Herausforderung darstellen werden.

Politisch ist die aktuelle Lage allerdings hochproblematisch. Es hat den Anschein, als wenn viele Teilnehmer an den Finanzmärkten einen Brexit nie ernsthaft in Erwägung gezogen haben und erst in den kommenden Tagen und Wochen realisieren werden, was für Europa auf dem Spiel steht.

Schließlich liegt jetzt eine Blaupause dafür vor, dass man tatsächlich die EU verlassen kann und dass es möglich ist, in einem Referendum Mehrheiten dafür zu finden. Für viele populistische Parteien in Europa ist dies eine Steilvorlage, und es überrascht nicht, dass aus einigen Ländern schon erste Hinweise vorliegen, vergleichbare Referenden anstreben zu wollen.

Damit befindet sich Europa potenziell in einer ähnlich kritischen Situation wie zum Höhepunkt der Euro- oder auch der Griechenlandkrise. Allerdings gibt es zu den vorherigen Krisen einen signifikanten Unterschied: Während die vorherigen Krisen durch beherztes geldpolitisches Eingreifen zumindest abgemildert oder kaschiert werden konnten, dürfte dies in dem jetzigen Fall weniger gut gelingen. Damit besteht auch für die Märkte die erhöhte Wahrscheinlichkeit einer anhaltend hohen Volatilität.

Es kommt jetzt auf die Politik an, dafür zu sorgen, die Phase der Unsicherheit so kurz wie möglich zu halten, damit nicht Investitionsentscheidungen auf Eis gelegt werden und aus einer politischen Krise auch noch eine gesamteuropäische wirtschaftliche Krise wird. Für eine antizyklische Anlagepolitik ist es noch zu früh. Leider erinnert uns die jetzige Situation ein wenig an die Lehman-Insolvenz, bei der die gesamte Tragweite erst Tage nach dem Ereignis erkannt wurde.

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