Musterdepots
Wettquoten sind zuverlässiger als Umfragen

Angespannte Stimmung vor dem britischen Referendum: Jedes neue Umfrageergebnis führt zu Spekulationen und Ausschlägen an der Börse. Daniel Hupfer nimmt sowohl Umfragen, als auch die Tipps der Buchmacher unter die Lupe.

Der mögliche Brexit dominiert derzeit das Geschehen an den Kapitalmärkten. Die Umfragen sprechen momentan eher für eine steigende Brexit-Wahrscheinlichkeit, während die Quoten der Wettanbieter eher auf einen Verbleib schließen lassen. Die Wettquoten sind allerdings mit erhöhter Vorsicht zu genießen, da zwar der überwiegende Teil des Geldes auf einen Verbleib in der EU gesetzt wird, die größere Anzahl der Wetten aber auf einen Brexit lautet. Wettquoten und die daraus abgeleiteten Brexit-Wahrscheinlichkeiten werden von vielen Beobachtern und Investoren grundsätzlich als zuverlässiger eingestuft als Umfragen, die in den letzten Jahren in Großbritannien keine hohe Treffergenauigkeit bei Referenden und Wahlen aufwiesen.

Glaubt man allerdings daran, dass die Wettquoten tatsächlich eine höhere Aussagekraft für die Prognose des Ausgangs des Referendums aufweisen, dann muss man implizit auch daran glauben, dass vermögendere Personen mit einem höheren Wetteinsatz über signifikant bessere Fähigkeiten verfügen, die Stimmung im Land einzuschätzen.

In diesem konkreten Fall haben wir daran allerdings unsere Zweifel. Dementsprechend gehen wir davon aus, dass die Wettquoten in der Brexit-Frage ein weniger guter Ratgeber sind als von vielen gedacht und demnach keine Entwarnung gegeben werden kann. Auf der anderen Seite ist die Anzahl der Unentschlossenen nach wie vor so hoch, dass es für einen Investor keinen Sinn macht, sich schon jetzt klar und mit hoher Konfidenz auf der einen oder anderen Seite zu positionieren.

Zudem sehen wir in einem möglichen Brexit auch nicht in erster Linie ökonomische Risiken; de facto wird sich zunächst gar nichts ändern, und am Ende langwieriger Verhandlungen steht vermutlich eine Lösung, deren ökonomische Auswirkungen überschaubar sind. Der wirkliche Sprengstoff ist politischer Natur.

Wenn es tatsächlich zu einem Brexit kommt, befindet sich die EU (nicht ganz unverschuldet) schlagartig in der größten Krise seit ihrer Gründung. In dem Moment läge eine Blaupause dafür vor, wie man aus dem „Club“ austreten kann. Käme es beispielsweise in Frankreich zu einem ähnlichen Referendum, wäre der Ausgang aus heutiger Sicht alles andere als klar, wie Umfragen nahelegen. Ein Brexit wäre damit der Startschuss in eine unsichere politische Zukunft. Und auch wenn politische Börsen sprichwörtlich kurze Beine haben, wäre der Tag nach einem Brexit kein idealer Zeitpunkt, um Risikopositionen im Portfolio zu erhöhen.

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