Nach Ansicht von Experten sollten Anleger kurzzeitige Kursschwächen als Kaufgelegenheiten nutzen
Asiens Börsen ziehen weiter Kapital an

Seit dem Ende der SARS-Krise haben Ausländer so viel Geld nach Asien gepumpt wie seit sieben Jahren nicht mehr. Länder wie Thailand oder Indonesien, die mit der Asienkrise vom Radarschirm internationaler Investoren verschwanden, haben Anlegern spektakuläre Gewinne beschert und finden wieder Aufmerksamkeit. Ursache sind positive zyklische Kräfte, unterbewertete Währungen und anziehende Unternehmensgewinne bei niedrigen Bewertungen.

SINGAPUR. Drei Dinge sprechen für Aktien in Asiens Emerging Markets: Obwohl die Kurse von ihrem Tief nach dem 11. September 2001 um rund zwei Drittel gestiegen sind, liegen die Bewertungen weiter unter dem historischen Durchschnitt. Die Region bietet mittelfristig die höchsten Wachstumsaussichten der Welt. Und angesichts des angeschlagenen US-Dollars dürften ihre stark unterbewerteten Währungen weiter Kapital anlocken. Skeptiker warnen allerdings bereits vor einem Rückschlag.

Die Entwicklung asiatischer Börsen ist traditionell eng mit der US- Konjunktur verknüpft. Angesichts hoch verschuldeter Privathaushalte und riesiger Budget- und Handelsbilanzdefizite befürchten Volkswirte, dass das Wachstum beim wichtigsten Handelspartner der Region sein Tempo nicht halten kann. Nachlassende Exporte oder höhere Zinsen könnten die Konjunktur in Asien drosseln und den Kursen die Luft nehmen. In den letzten Tagen setzten daher Gewinnmitnahmen ein.

„Asiens Märkten stehen vor einer Korrektur“, meint ABN Amros Asienstratege Eddie Wong, „sie sind klar überkauft“. Doch der erwartete Rückschlag um 5 bis 10 % sollte zum Zukaufen von Titeln genutzt werden, die von einer besseren Binnenkonjunktur profitieren. Vorsicht sei bei Export-Titeln angebracht; ABN Amro rechnet mit einem mäßigen Abschwung der US-Konjunktur in einem halben Jahr. Dies werde Asien aber nicht auszubremsen, sondern das Wachstumszentrum der Weltwirtschaft dorthin zurückschwingen lassen, glaubt Wong. „Asien könnte eine Erholung der Binnennachfrage weit über den Erwartungen erleben“, rechtfertigt er seinen Optimismus. Die Rahmenbedingungen dafür liefern extrem hohe Sparquoten, große Liquiditätsüberschüsse im Bankensystem und Nachholbedarf bei Investitionen nach sechsjähriger Flaute.

Eine Initialzündung, die aus diesen Zutaten einen Konsumboom zündet, hat es dieses Jahr in Thailand gegeben. Mit fast 90 % Plus gehört Bangkoks Börse weltweit zu den Spitzenreitern. Auch in Malaysia, Indien und den lange deflations- und rezessionsgeschüttelten Stadtstaaten Hongkong und Singapur erwartet Wong anziehende Privatnachfrage und neue Unternehmensinvestitionen. Weil sie von einer Belebung der Kreditnachfrage profitieren, rät er in diesen Ländern neben Transport-, Medien- und Tourismusaktien zum Kauf von Bankwerten. Die Bewertungen von Technologietiteln hält er für zu hoch und rät zum Verkauf. China, die Philippinen und Südkorea gewichtet Wong unter. Er befürchtet eine Abkühlung des Wirtschaftsbooms in der Volksrepublik. Südkorea werde durch die überschuldeten Konsumenten und durch Nordkorea belastet.

Der Asienstratege der Citigroup, Ajay Kapur, sagt der Region weitere 20 % Kursgewinne voraus. Das Risiko, zu spät einzusteigen, sei geringer als das, die letzte Aufschwungphase zu verpassen. Kapur warnt allerdings, die Börsen in Fernost würden nur so lange Kursgewinne liefern, wie die globale Konjunkturerholung anhalte. Da er diese für relativ dauerhaft hält, gewichtet er im Gegensatz zu ABN Amro die exportgetriebenen Märkte Südkorea und Taiwan über. Neben Finanzwerten wie Kookmin Bank und dem Autotitel Hyundai rät er dort zu konjunktursensiblen Technologieaktien wie Compal, Hon Hai, LG, Quanta oder Samsung. In Indien, Indonesien und Thailand setzt er große Hoffnungen auf die Binnenkonjunktur. Außerdem übergewichtet er Singapur, dessen Börse der Rally hinterherhinkt.

Christopher Wood, Asienstratege der Crédit-Lyonnais-Tochter CLSA, sieht Chancen für eine fundamentale Neubewertung Asiens. In Indien (Konsumgüter, Banken, Pharma), Indonesien (Konsumgüter, Banken, Telekom), Thailand und Hongkong (jeweils Immobilien und Banken) erwartet er die größten Kursgewinne. In den nächsten vier Wochen werde die Korrektur an den Märkten aber weiter gehen. Auch Wood rät, Rückschläge zum Einstieg zu nutzen. Doch bevor Aktien in Fernost vom jetzigen Niveau viel stärker steigen können, müssen lokale Anleger ihre Risikoscheu aufgeben. Denn bislang greifen nur Ausländer im großen Stil zu. „Stoßen lokale Investoren dazu, kann die Rally noch viel weiter gehen“, sagt Wood, das sei nur eine Frage der Zeit.

Das Handelsblatt stellt in loser Folge in den kommenden Wochen die einzelnen Emerging-Markets-Regionen vor.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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